Wirtschaft : Sauberes Kerosin – schmutzig erzeugt?

Die Lufthansa will zunehmend auf Biotreibstoff setzen. Jetzt hat sie Probleme mit ihrem Lieferanten

Moritz Schröder,Annika Zeitler
Vorreiter aus Deutschland. Als erste Fluggesellschaft weltweit setzt die Lufthansa Biokraftstoff im Linienbetrieb ein. Foto: dpa
Vorreiter aus Deutschland. Als erste Fluggesellschaft weltweit setzt die Lufthansa Biokraftstoff im Linienbetrieb ein. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Was da bei der Ortschaft Chimoio in Mosambik aus dem Boden sprießt, darauf lagen die Hoffnungen vieler Kleinbauern und der Agrarindustrie. Auf rund 3000 Hektar ließ das aus Großbritannien stammende Unternehmen Sun Biofuels Jatropha- Pflanzen anbauen, aus denen sich Öl für Biokerosin gewinnen lässt: ein Vorzeigeprojekt. Die Lufthansa ließ sich für ein zurzeit laufendes Testprojekt aus Chimoio beliefern. Doch nun ist von der Aufbruchstimmung kaum mehr etwas übrig. Wie der Tagesspiegel am Freitag erfuhr, hat die Londoner Beratungsfirma Resolve bereits im August das Ruder bei Sun Biofuels übernommen und die mosambikanische Tochter verkauft. Verantwortliche von Sun Biofuels waren telefonisch nicht zu erreichen. Die Website des Unternehmens ist seit Tagen offline.

Hinter dem Verkauf stecken offenbar finanzielle Probleme. Die Lufthansa teilt auf Anfrage schriftlich mit, ihr Lieferant Sun Biofuels sei insolvent und zerschlagen worden. Dafür spricht, dass die Firma Resolve auf die Restrukturierung von in Schieflage geratenen Unternehmen spezialisiert ist. Ein Informant aus der Branche sagt dagegen, der Grund für den Verkauf liege nicht bei Sun Biofuels, sondern bei dessen Holding. Die Plantage werde wahrscheinlich weitergeführt.

Der Informant und Medien in Tansania berichten, es sei auf einer weiteren Plantage des Unternehmens in Tansania bereits zu Entlassungen gekommen. Nun wächst die Kritik an den Folgen des Jatropha-Anbaus für die Bauern. „Das Beispiel Sun Biofuels zeigt, dass das Versprechen, der Jatropha-Anbau werde auch der Bevölkerung vor Ort helfen, auf sehr wackligen Beinen steht“, sagt Evelyn Bahn vom entwicklungspolitischen Netzwerk Inkota. Die Organisation unterhält seit längerer Zeit Kontakt zu einer Kleinbauernorganisation in Mosambik.

Sun Biofuels hatte in der Vergangenheit stets betont, ihre Projekte nur in Abstimmung mit der örtlichen Bevölkerung umzusetzen. „Der Betrieb in Mosambik war eine sehr gut geführte Operation“, sagt auch Thilo Zelt, Präsident des Industrieverbands Jatropha Alliance. Aber Inkota befürchtet, dass die Arbeiter ihre Jobs ohne Entschädigung verlieren, obwohl sie teilweise eigenen Ackerbau aufgegeben haben, um auf den Jatropha-Plantagen zu arbeiten.

Für das Projekt der Lufthansa hat das alles keine unmittelbaren Konsequenzen, da die Pflanzen bereits bei einem finnischen Partner der Fluglinie verarbeitet wurden. Die Entwicklung in Mosambik und Tansania dämpft allerdings die Hoffnungen der Fluglinien, schon in naher Zukunft mit großen Mengen pflanzlich erzeugten Kerosins zu fliegen. Der Weltluftfahrtverband IATA strebt bis zum Jahr 2020 einen Anteil von Biotreibstoff am Kerosin von sechs Prozent an, die Lufthansa will sogar zehn Prozent erreichen. So könnten die Airlines unter anderem die Kosten für Emissionszertifikate in der Europäischen Union mindern, die sie ab kommendem Jahr vorhalten müssen.

Gerade Jatropha gilt den Fluglinien als aussichtsreicher Kandidat für Biokerosin, da sie auf trockenen Böden gedeiht und damit im Prinzip keinen Nahrungsmittelanbau verdrängt. Genau das ist jedoch umstritten. „Investoren haben kein Interesse daran, Jatropha in der Wüste anzubauen. Dort sind die Erträge nur marginal. Auf fruchtbaren Böden lässt sich mehr Öl gewinnen. Dann ist die Pflanze aber nicht mehr nachhaltig. Sie steht wie andere Biokraftstoffe in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln“, sagt Guido Reinhardt vom Institut für Energie und Umweltforschung (IFEU) in Heidelberg. Damit steige die Gefahr, dass die Nahrungssituation verschärft werde. „35 Prozent der Bevölkerung in Mosambik sind unterernährt. Es ist fatal, wenn statt Nahrungsmitteln Energiepflanzen angebaut werden“, warnt Inkota-Mitarbeiterin Bahn.

Um den Anbau umweltschonend und nachhaltig zu gestalten, hat die Europäische Kommission im Juli sieben Zertifizierungsorganisationen für Energiepflanzen anerkannt. Für die Jatropha-Plantage in Mosambik liegt kein Zertifikat vor, lediglich eine Vorprüfung. Vorgenommen hat sie nicht eine unabhängige Stelle, sondern der Industrieverband Jatropha Alliance. Auch ein zweiter Jatropha-Lieferant der Lufthansa kann bislang nur eine Vorprüfung vorweisen. Die Fluggesellschaft will Lehren daraus ziehen und künftig als „dritte Vertragspartei auftreten, um direkten Zugriff auf die Rohstoffzertifizierung ausüben zu können“. Aktuell hat sie nur Verträge mit dem finnischen Raffineriebetreiber Neste Oil.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben