Schädliche Zockerei? : Spekulanten - Wir sind die Bösen

Leerverkäufe, Derivate oder Kreditversicherungen können dem System schaden.

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Spekulation ist schlecht. Wetten in Höhe von 350 Billionen Euro flitzen um den Erdball, mit denen sich Banken und Hedgefonds gegen fallende oder steigende Preise absichern. Oder nur den schnellen Euro im Casino machen wollen. An die Folgen für Staaten und Steuerzahler denken die Zocker dabei nicht einmal.

So lästern Politiker über Finanzanleger – und schieben ihnen die Schuld für das Griechenland-Desaster in die Schuhe. Welche Investoren und Instrumente tatsächlich verantwortlich sind, ist zwar noch unklar. Doch vor allem Leerverkäufe stehen derzeit in der Kritik. Vor allem, wenn sie ungedeckt oder „nackt“ sind, wie die Börsianer sagen.

In diesem Fall verkauft ein Anleger Aktien oder Anleihen, die er gar nicht besitzt. Er setzt darauf, dass der Kurs der Aktien fällt, bevor er sie sich besorgen und zum vereinbarten Termin beim Käufer abliefern muss. Sein Gewinn ist die Differenz zwischen dem Kauf- und dem vereinbarten Verkaufspreis. Bedienen sich zahlreiche Investoren dieser Methode, kann der Kurs eines Papiers unter starken Druck geraten, obwohl die Fundamentaldaten dies nicht rechtfertigen. Die Finanzaufsicht Bafin hat daher Leerverkäufe von Staatsanleihen und einiger Finanzaktien grundsätzlich verboten.

Auch Kreditausfallversicherungen genießen derzeit ein zweifelhaftes Ansehen. Mit den Credit Default Swaps (CDS), können sich Kreditgeber für den Fall absichern, dass ihr Schuldner nicht zahlen kann – wie bei einer Firmeninsolvenz oder einer Staatspleite. Die CDS-Gesellschaft zahlt, sollte der Schuldner ausfallen; dafür wird eine Prämie fällig.

In Verruf gekommen sind die eigentlich sinnvollen CDS, weil Anleger damit handeln können und sich eine Versicherung kaufen können, ohne das dazu gehörende Papier zu besitzen. Im Fall einer drohenden Staatspleite verteuern sich CDS, entsprechend steigt der Gewinn des Anlegers. Kritiker vergleichen das mit einer Feuerversicherung auf das Haus des Nachbarn – bei der man Geld bekommt, wenn der Nachbar abbrennt. Daher hat die Bafin auch den CDS-Handel verboten, wenn er nicht dazu dient, ein Risiko abzusichern.

Stehen Leerverkäufe und CDS-Versicherungen im engen Zusammenhang mit der Euro-Krise, gelten forderungsbesicherte Wertpapiere als Auslöser der Subprime-Krise, die 2007 in den USA begann. Mithilfe dieser Asset Backed Securities genannten Titel verpackten Banken ihre zweitklassigen Hauskredite in handelbare Wertpapiere mit hohen Renditen. Anleger, auch deutsche Landesbanken, griffen zu – sie verließen sich auf die Urteile der Ratingagenturen. Tatsächlich aber erwiesen sich viele der zugrunde liegenden Hauskredite als faul – die darauf basierenden ABS wurden wertlos.

Noch undurchsichtiger sind Derivate – Finanzinstrumente also, die abhängen von der Kursentwicklung anderer Güter oder Papiere. Derivate, vulgo Wetten, gab es schon vor Jesu Geburt, doch erst mit der Globalisierung ist ihre Zahl unüberschaubar geworden. Es gibt Derivate auf Aktien, Währungen, Getreide, Rohstoffe, auch Wetten auf die Pleite von Staaten, die Insolvenz einer Firma oder das Wetter. Zwar können sich Anleger mit Derivaten gegen unsichere Ereignisse in der Zukunft absichern, doch es gibt auch Risiken. Etwa die fehlende Transparenz dieser Geschäfte, die kaum reguliert sind. Oder ihre große Hebelwirkung – mit Derivaten lassen sich hohe Gewinne, aber auch enorme Verluste einfahren.

Hier setzt die Kritik von Finanzexperten an. „Geschäfte mit einem großen Hebel sind extrem riskant und können enorme Turbulenzen produzieren“, sagt Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im Mannheim. Er verweist auf den Hedgefonds LTCM, der 1998 mit gut zwei Milliarden Dollar Eigenkapital mehr als eine Billion Dollar bewegte – und das Finanzsystem in eine Schieflage brachte. „Es ist immer gefährlich, wenn ein Anleger ein Risiko eingeht, ohne dafür mit eigenem Geld einstehen zu müssen“, findet auch Dieter Hein vom Analysehaus Fairesearch. Er plädiert dafür, das Rad der Zeit zurückzudrehen. „Nach der Weltwirtschaftskrise 1931 waren viele Spekulationsobjekte jahrzehntelang verboten. Dann wurden sie wieder zugelassen, und die Krisen häuften sich – das sollte ein Anlass sein, einiges wieder zu verbieten“, sagt er.

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