Schädliche Zockerei? : Spekulanten - Wir sind die Guten

Wer mit Aktien für die Rente spart, ist selbst Teil des globalen Finanzmarkts.

von

Spekulation ist gut. Oder besser: Sie ist unvermeidlich. Denn sie ist eine Möglichkeit, wie wir uns ein Bild von der Zukunft machen können. Spekulanten spähen (lat: speculari) in die Ferne, ins Unbekannte und stellen dabei Vermutungen an, sie hoffen, sie bangen, oder sind gelassen. Setzen sie dabei Geld ein, nennt man sie Investoren. Man muss nicht eine Maschine kaufen oder einen Arbeiter einstellen, um zu investieren. Man kann auch ein Wertpapier kaufen.

Mehr als jeder fünfte Deutsche ist ein Spekulant. Rund 15 Millionen Verbraucher sind im Besitz von Aktien, Aktien- oder Rentenfonds, Anleihen sowie Zertifikaten. Viele investieren damit in ihre Zukunft, sorgen für die Rente vor. Und sie beteiligen sich damit an Unternehmen, erwerben Anteile an Rohstoffen, geben Firmen und Staaten Kredit, indem sie deren Anleihen zeichnen. Das geht von zu Hause aus: Online-Banking erlaubt Spekulation auf allen Börsen der Welt, sekundenschnell. Aber: „Fragt man Verbraucher, welche Wertpapiere sie halten, wissen viele gar nicht genau, was sie gekauft haben“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut. „Die Unwissenheit beim Thema Finanzen ist groß, genauso wie die Gier. Deshalb wird in der aktuellen Debatte sehr viel durcheinander gebracht.“

Die berechtigte Forderung, dass Bankberater nur das verkaufen, was ihre Kunden haben wollen und verstehen, korrespondiert mit der Erwartung vieler Kunden, dass ihre Papiere eine möglichst hohe Rendite erzielt. Dabei geht mancher Wagnisse ein, die er anderen zum Vorwurf macht - zum Beispiel Hedgefonds, die professionell auf gigantische Gewinne spekulieren. Doch für kleine und große Anleger gilt: „Höhere Rendite geht nur mit höherem Risiko“, sagt Stefan Seip, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI). „Ohne Risiko gibt es gar keine Verzinsung.“

Dass die Deutschen ihr Geld privat anlegen, ist politisch gewollt. „Die Politik fordert seit Jahren zusätzliche Altersvorsorge“, sagt Seip. Mit guten Gründen habe sie deshalb die Geldanlage in Aktien- und Anleihefonds gefördert, wie etwa Riester-Verträge. „Dass einige der 15 Millionen deutschen Privatanleger auch in höher verzinslichen Staats- und Unternehmensanleihefonds spekulieren, sollte die Politik nun nicht verunglimpfen“, sagt der BVI-Geschäftsführer, der für die in Deutschland zugelassenen Investmentfonds spricht, die ein Vermögen von rund 1,7 Billionen Euro verwalten.

Gewiss, Spekulant ist nicht gleich Spekulant. Wer Milliarden Euro mit dem ungedeckten Leerverkauf von Ramschanleihen verschiebt, dreht ein größeres Rad als ein Kleinanleger, der monatlich 50 Euro in einen Aktienfonds einzahlt. Doch auch dieser Aktienfonds kann beachtlich groß und einflussreich werden.

Gegen den Vorwurf, den Finanzprofis sei jede noch so heikle Spekulation recht, wehrt sich die Branche. „Die deutsche Investmentfondsbranche braucht keine nackten Leerverkäufe. Sie sind eher eine Spekulation gegen die Werte in unseren Fonds“, sagt Stefan Seip. Verbieten solle man diese hochspekulativen Geschäft gleichwohl nicht, sondern sie „auf die geregelten Märkte holen“.

Übersehen wird häufig, dass auch die Realwirtschaft Teil der weltweiten Spekulation ist, sein muss. Die Lufthansa zum Beispiel muss auf dem Terminmarkt spekulieren, um sich gegen schwankende Kerosinpreise und Wechselkurse abzusichern. 2009 verbrauchte die Airline etwa acht Millionen Liter Treibstoff, was ein Sechstel der Gesamtkosten ausmachte. Zu viel, um sich dem Auf und Ab des Ölpreises auszusetzen. Ein anderes Beispiel ist Volkswagen. Nimmt der Autokonzern bei einer US-Bank einen Kredit auf, um den Bau seines neuen Werkes in den USA zu finanzieren, kann sich die Bank dagegen versichern, dass VW sein Darlehen in der Zukunft nicht zurückzahlt. Die Policen – Credit Default Swaps (CDS) – sind handelbare Wertpapiere. Die Bank kann das Risiko verkaufen, an andere Banken oder auch an Hedgefonds. Eine Methode, die Risiken verteilt und Kapital freisetzt für neue Investitionen. Profiteure sind im besten Falle auch die Verbraucher: Fliegen und Autofahren bleiben bezahlbar – trotz extremer Preisschwankungen auf den Rohstoff- und Devisenmärkten.

21 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben