Schäfer : Hirten in Not

Die Schäfer in Deutschland fürchten um ihre Existenz – und protestieren gegen die Bürokratie und für eine EU-Förderung.

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Bei Wind und Wetter. Schäfer Alfred Hacker hütet seine 600 Tiere an 365 Tagen im Jahr.
Bei Wind und Wetter. Schäfer Alfred Hacker hütet seine 600 Tiere an 365 Tagen im Jahr.Foto: Corinna Visser

Glems/Berlin - Schäfer Alfred Hacker ist zufrieden. „Heute ist ein guter Tag, es ist trocken, aber nicht zu heiß.“ 600 Schafe hat seine Herde. Friedlich weidet sie auf dem Roßfeld, einem kleinen Segelfluggelände auf der Schwäbischen Alb. Die Tiere halten die Landebahn frei von Bäumen und Gestrüpp. „Wenn ein Flieger landen will, fliegt er erst einmal über das Gelände“, sagt Hacker. „Dann weiß ich Bescheid und mache mit den Schafen Platz.“ Seit 40 Jahren hütet Hacker Schafe. Er liebt seinen Beruf, doch der wird immer schwieriger, sagt er. Die Zersiedelung ist so weit fortgeschritten, dass er mit seinen Tieren kaum noch zu den Weideflächen kommt. Viel Geld verdient er nicht, obendrein machen ihm die Bürokraten in Brüssel das Leben schwer.

So sehen es viele von Hackers Kollegen. In den vergangenen fünf Jahren hat jeder fünfte Schäfer aufgegeben, beklagt die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände. Noch etwa 2000 Berufsschäfer gibt es im Land. Stundenlöhne von drei bis vier Euro seien üblich. Für das Kilo Fleisch gibt es vier Euro – das ist weniger als noch Ende der 80er Jahre. Zu den Berufsschäfern kommen Landwirte, die nebenbei Schafe halten. Die insgesamt 2,4 Millionen Tiere leisten einen Beitrag zur Landschafts- und Küstenpflege. „Unsere Tätigkeit wird verkannt“, kritisierte Carl Lauenstein, Vorsitzender der Vereinigung am Mittwoch in Berlin.

Mit einem Hirtenzug – einer Art Staffellauf mit Schafen quer durch Deutschland bis nach Brüssel – machen die Schäfer derzeit auf ihre Situation aufmerksam. „Wir brauchen schnellstmöglich positive Signale von der Politik“, sagte Lauenstein. Zum einen wollen die Schäfer, dass die EU auf die in ihren Augen unsinnige und unpraktikable Einzeltierkennzeichnung verzichtet. Das Ziel, Seuchen und Krankheiten zu bekämpfen, könne einfacher und kostengünstiger erreicht werden. Zum anderen wollen sie, dass ihre Leistungen im Landschafts- und Küstenschutz besser honoriert werden. Stellt die EU, wie bereits begonnen, die weidetierbezogene Förderung auf eine Flächenprämie um, geht den Schäfern ohne Landbesitz ein wichtiger Teil ihres Einkommens verloren. Hinzukommt, dass Schäfer immer öfter mit Betreibern von Biogasanlagen konkurrieren müssen, die auf freien Flächen Energiepflanzen anbauen wollen. Da sie von der EU gefördert werden, können sie mehr Pacht zahlen. Den Schäfern bleibe noch weniger Platz, sagte Lauenstein. Und weniger Nachwuchs: Nur 30 Azubis fanden sich in diesem Jahr.

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