Wirtschaft : Scharfe Kritik an Hoechst-Vorstandschef

Aktionäre werfen Dormann "signifikante Defizite" vor/ Dormann will "Richtung halten" FRANKFURT (MAIN) (ro).Turbulent ging es zwar nicht zu, aber Jürgen Dormann, Vorstandschef des Chemie- und Pharmakonzerns Hoechst mußte sich auf der Hauptversammlung am Dienstag in Frankfurt-Höchst angesichts der schwierigen Lage des Unternehmens deutliche Kritik gefallen lassen.Und dies aus höchst berufenen Mund: Mit Christian Strenger, dem Chef der größten deutschen Investmentgesellschaft DWS, rieb sich ein allseits anerkannter Experte an dem umstrittenen Manager.Strenger beklagte "signifikante Defizite" und eine "Ent- Identifizierung" zwischen Vorstand und Mitarbeitern."Das Grundkonzept des Umbaus ist richtig, aber er muß schneller vonstatten gehen und weniger sprunghaft ablaufen", meinte Strenger vor 3700 Aktionären, die ihm mehrfach Beifall zollten.Der Chef der DWS, die rund 13 Mill.Hoechst-Aktien in ihren Fonds liegen hat, kritisierte den "mißlungenen und für die Aktionäre teuren Irrweg" von Hoechst im Generika-Bereich.Man sei hier mit hohen Kosten reingegangen und gehe jetzt mit hohen Defiziten wieder raus.Insgesamt müsse sich Hoechst schneller und entschlossener auf die Kernaktivitäten konzentrieren.Dies ist nach Ansicht von Strenger auch mit Blick auf die Finanzschulden in Höhe von 17 Mrd.DM notwendig.Aus heutiger Sicht, fügte Strenger hinzu, habe Hoechst für seine Investitionen im Pharmabereich fünf Mrd.DM zuviel ausgegeben.Strenger kritisierte die Informationspolitik des Unternehmens.Wichtige Fragen dürften nicht nur vom Finanzchef beantwortet werden, hier müsse der Vorstandsvorsitzende als Chefstratege Flagge zeigen.Gleichwohl bekräftigte Strenger aber auch, daß man weiter hinter Dormann stehe."Wir hoffen, daß wir im Zwischentief einer längerfristig positiven Entwicklung zum Life-Science-Konzern sind."Andere Aktionärsvertreter wie Reinhild Keitel von der Schutzvereinigung der Kleinaktionäre, schlossen sich der Kritik Strengers an.Der "erschreckende" Bericht über das erste Quartal, in dem das Betriebsergebnis von Hoechst um weitere 14 Prozent auf 888 Mill.DM geschrumpft ist, bestätige die Skepsis.Jürgen Dormann allerdings zeigte sich von der Kritik wenig beeindruckt."Wir halten die Richtung, auch wenn wir im Moment Gegenwind haben." Die Strategie für den Umbau stehe und werde zügig umgesetzt.Dabei werde vor allem die Forschung im Pharmasektor forciert.Pro Arbeitstag gebe Hoechst elf Mill.DM für die Forschung aus.Allerdings müsse man schneller und produktiver arbeiten.Vor einer Übernahme sei ihm im übrigen nicht bange."Ein Käufer müßte für Hoechst schon 70, 80 oder 90 Mrd.DM auf den Tisch legen."Hoechst werde allenfalls noch kleinere oder mittlere Biotechnologie- Firmen übernehmen.Andererseits sollen die Industrieaktivitäten im Laufe der nächsten zwölf bis 24 Monate an die Börse gebracht oder anderweitig verkauft werden."Wir werden dabei aber die Stabilisierung des Gesamtunternehmens im Auge haben." Ganz entschieden wies Dormann den Vorwurf zurück, er sei ein "Jobkiller".Hoechst habe niemand entlassen und die Mitarbeiter, die durch Unternehmensverkäufe ausgeschieden seien, seien bei den neuen Firmen besser aufgehoben.Auch von einer generellen Spannung zwischen Vorstand und Mitarbeitern könne keine Rede sein.Es gebe allenfalls "lokale Ereignisse" im Pharmasektor.Dort werden in der Forschung mehrere hundert Stellen gestrichen.Allerdings räumte Dormann Fehler in der Informationspolitik ein.Auch 1998 werde für Hoechst kein einfaches Jahr, nicht nur weil das erste Quartal verhalten anfing.Man werde aber den Umbau "mit Augenmaß" fortsetzen.

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