Wirtschaft : Scharfe Kritik an russischen Banken

LONDON (egl/HB).Als die von Wirtschaftsminister Andrei Shapovaliants angeführte russische Delegation zum Auftakt der Jahresversammlung der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) ihre "Länderpräsentation" inszenierte, schien manchen der anwesenden westlichen Bankern beim Thema "Lizenzen für neue russische Banken" der Geduldsfaden zu reißen.

Seit August vergangenen Jahres lecken die westlichen Banker und Großanleger ihre Wunden.Der Rubel wurde abgewertet, Moskau verkündete ein Schuldenmoratorium, das Bankensystem brach zusammen.Die Banker hielten mit ihrer Wut über die "Komplizenschaft" der russischen Regierung, der Zentralbank, der Bankenaufsichtsbehörden und der Gerichte bei der "systematischen Plünderung westlicher Vermögensansprüche" nicht hinterm Berg.

Daß die russischen Behörden nach dem Kollaps der meisten russischen Banken ungerührt an einflußreiche Interessenten neue Banklizenzen vergeben, sehen viele der in London versammelten westlichen Ostbanker als neue Masche, die mit einigen Milliarden Dollar im russischen Bankensektor exponierten ausländischen Banken und Anleger um ihr Geld zu bringen.

"Wir haben es mit massiver offizieller Hilfestellung bei der systematischen Plünderung der noch verbliebenen Vermögenswerte zu tun", klagte einer der für Rußland und Osteuropa verantwortlichen Bankenvertreter aus Deutschland."Auf diese Weise erleichterten die russischen Behörden den Oligarchen und Mafia-Seilschaften, die geplünderten Vermögenswerte unter dem Firmendach neuer Bankgründungen in Sicherheit zu bringen."

Für einen der Pioniere des Eurobondmarktes ist es "eine Zumutung, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Mitglieder der russischen Delegation, aber auch Spitzenmanager der EBWE, den von riesigen Verlusten betroffenen westlichen Banken und Anlegern gegenübertreten.Daß der Generalsekretär der Bank, der Italiener Antonio Costa, über die Milliardenverluste der westlichen Banken vom Podium aus noch Witze macht, hat manche angereiste Banker in Rage gebracht.Aus der Sicht der in Rußland vor einem Abgrund von Verlusten stehenden westlichen Banker und Investoren hat der neue Mann an der Spitze der Bank, Horst Köhler, bei seiner ersten Jahrestagung viele schlimme Entwicklungen in Rußland nur diplomatisch verpackt angesprochen.

Rußland sieht sich ohnehin nicht in der Lage, im Mai fällige Dollar-Anleihen im Volumen von 1,2 Mrd.Dollar zurückzuzahlen.Das teilte der stellvertretende russische Finanzminister Michail Kasjanow am Dienstag in London mit, wie die Moskauer Agentur Interfax berichtete."Trotz intensiver Bemühungen ist es uns leider weder gelungen, Reserven anzuhäufen, noch die Situation zu stabilisieren", zitierte Interfax.Die Regierung müßte im Mai insgesamt 1,6 Mrd.Dollar an Schuldverschreibungen auszahlen, die Teil der immensen Binnenschuld des Landes sind.Die von Kasjanow erwähnten 1,2 Mrd.Dollar stellen die erste Tranche dar.

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