Wirtschaft : Schering hat Ärger mit Brasiliens Mafia

CARL D.GOERDELER

SAO PAULO ."Mit Medikamenten spielt man nicht.Möglicherweise werden wir Schering dichtmachen" - mit solch starken Worten ging der brasilianische Gesundheitsminister Jose Serra in der vergangenen Woche an die Öffentlichkeit und ordnete am Donnerstag die Schließung des Werkes in Sao Paulo für zunächst einmal fünf Tage an.

Den Zorn des Ministers hatten die Fälle von fünf Frauen ausgelöst, die die Schering-Antibabypille Microvlar genommen hatten und trotzdem schwanger wurden.Das war im Grunde nicht weiter erstaunlich, weil in den Pillen nicht Hormone, sondern ausschließlich Mehl und Zuckerguss als Wirkstoffe nachgewiesen wurden.Hat Schering Placebos, also Scheinprodukte, produziert? Und warum tauchten diese Pillen nur im Umkreis der Industriestadt Maua in den Apotheken auf?

Der Ruf des Unternehmens Schering in Brasilien steht auf dem Spiel.Unternehmensleiter Rainer Bitzer beeilte sich, die Panne zu erklären: Im Betrieb sei eine neue Verpackungsmaschine getestet worden, sie sei mit Placebos gefüttert worden, um nicht wertvolle echte Pillen zu verwenden.Die 500 000 Packungen hätten deshalb auch einen unüblichen Aufdruck gehabt.Danach sei das gesamte Material einer Firma zur Vernichtung übergeben worden.Das alles sei unter strenger Aufsicht von deutschen und brasilianischen Experten passiert.Das Unternehmen stellte Strafantrag gegen Unbekannt gestellt, weil offenbar trotzdem ein Teil der Placebo-Pillen gestohlen wurde.

Der Gesundheitsminister ließ sich davon nicht beeindrucken: "Ich bezweifle, daß das Unternehmen sich diese Fahrlässigkeit in Deutschland hätte leisten können." Schering wurden am Wochenende außer den Prüfern der Gesundheits- auch einige der Finanzbehörde ins Haus geschickt.Inzwischen glaubt zwar auch der Minister nicht mehr, daß Schering kriminell gehandelt hat.Vielmehr richtet sich das Augenmerk der Polizei auf den blühenden Schwarzmarkt für falsche Medikamente.

Brasilien ist mit einem Jahresumsatz von rund einer Mrd.Dollar der viertgrößte Absatzmarkt für Pharmazeutika in der Welt; die deutschen Konzerne nehmen hier eine beherrschende Stellung ein.Doch nach Schätzungen des Magazins "Veja" mischt ein weiterer Hersteller mit: die Mafia produziere bis zu 10 Prozent der Medikamente, die oft zu Dumpingpreisen auf den Markt kommen.Von 1000 Packungen seien 200 gefälscht.Schering ist schon einmal Opfer der Gangster geworden.Zwei Männer starben, die das Schering-Mittel Androcur gegen Prostata-Krebs genommen hatten; sie waren gefälschter Arznei aufgesessen.

Ganz ohne Schuld ist die Regierung nicht: In Brasilien gibt es 55 000 Apotheken und rund 7000 Großhändler, aber zu wenig Arzneimittelprüfer.Und wer bisher gefälschte Medikamente in den Markt brachte, brauchte harte Strafen kaum zu fürchten - erst jetzt hat das Parlament eine Strafverschärfung beschlossen.

Sind die Pharmakonzerne machtlos gegen die Fälscher? Carlos Zanini von der Universität Sao Paulo meint, die Konzerne hätten zu lange geschwiegen.Gesundheitsminister Jose Serra aber nutzt die Gunst der Stunde, um sich im Wahljahr zu profilieren.Er werde als Zeuge bei einem Strafprozess bereitstehen, teilte er mit.Was er unternimmt, um den schwarzen Markt mit Medikamenten trockenzulegen, hat er nicht gesagt.

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