Wirtschaft : Schering kämpft um seinen Klassiker

Berliner Pharmafirma prüft Kauf von Betaferon-Rechten / Anti-Baby-Pille YAZ kommt später

Maren Peters,Nils-Viktor Sorge

Berlin - Der Berliner Pharmahersteller Schering kämpft um die Zukunft zweier seiner wichtigsten Produkte: Herstellungsrechte am wichtigsten Medikament des Unternehmens, dem Multiple-Sklerose-Mittel Betaferon, fallen wegen einer Übernahme in den USA an den Baseler Konkurrenten Novartis. Um Novartis aus dem Geschäft mit Betaferon herauszuhalten, müsste Schering nun die Exklusivrechte erwerben. Im Gespräch ist laut einem Artikel der „Financial Times Deutschland“ ein Kaufpreis von bis zu einer Milliarde Euro. Zudem kann das Unternehmen einen neuen Hoffnungsträger, die Anti-Baby-Pille YAZ, in den USA erst später als erwartet einführen. Dort verzögere sich das Zulassungsverfahren, teilte das Unternehmen am Freitag mit. An der Frankfurter Börse rutschte die Schering-Aktie am Freitag bis zum Handelsschluss um 2,9 Prozent ab. „Dass da möglicherweise eine Milliarde Euro Kosten auf Schering zurollen, ist nicht positiv“, kommentierte ein Händler den genannten Preis.

Novartis erwirbt die Rechte an Betaferon mit der Übernahme des US-Impfstoffherstellers Chiron. Diese Übernahme berührt einen Vertrag, den Schering und Chiron bereits 1993 geschlossen hatten. Danach hat Schering zwar die weltweiten Vermarktungsrechte an Betaferon. Im Gegenzug erhält Betaferon-Erfinder Chiron, der das Medikament für den US-Markt auch produziert, eine Umsatzbeteiligung in Höhe von 22 Prozent an den weltweiten Verkäufen. Diese Abmachung gilt vorerst bis 2008.

Schering-Sprecher Oliver Renner bestätigte dem Tagesspiegel, dass das Unternehmen aber eine Kaufoption für die Exklusivrechte an Betaferon habe. Ob Schering darüber bereits mit Novartis verhandelt, ließ Renner offen. „Wir sehen uns nicht unter Zeitdruck.“ Zu einem Preis wollte sich Renner nicht äußern. Die Summe von einer Milliarde Euro nannte er „absolute Spekulation.“ Auch von Novartis gab es keinen Kommentar.

Mit Betaferon hat Schering 2005 in den ersten neun Monaten 630 Millionen Euro von insgesamt 3,9 Milliarden Euro umgesetzt. Novartis würden die Betaferon-Rechte den Einstieg in das Geschäft mit Multiple-Sklerose-Medikamenten erleichtern. Novartis arbeitet derzeit an einem Konkurrenzprodukt zu Betaferon. „Schering steht unter Zugzwang“, sagte Annette Blumenthal, Analystin bei der Bayerischen Landesbank. Das Unternehmen müsse wohl einen „schmerzhaften Preis“ für die Betaferon-Rechte zahlen.

Ein Verlust der Rechte am etablierten Umsatzbringer Betaferon träfe Schering auch deshalb besonders hart, da der Konzern mit seinen Neuentwicklungen zuletzt enttäuscht hatte. So hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA mehrfach erweiterte Studien für die Zulassung von Schering-Medikamenten in den Vereinigten Staaten verlangt. Die zum Ende des dritten Quartals veröffentlichten guten Zahlen hatte das Pharmaunternehmen nicht zuletzt wegen des guten Absatzes von Betaferon und der Anti-Babypille Yasmin erzielt. Daher schmerzt Schering auch die Verzögerung bei der niedriger dosierten Yasmin-Version YAZ.

Von der neuen Pille erwartet der Vorstand Erlöse von bis zu 200 Millionen Euro. „Wir sind optimistisch, dass YAZ in der ersten Jahreshälfte 2006 für Frauen verfügbar sein wird“, sagte Scherings Gynäkologie-Chef Phil Smits. Belastend für Schering sei nun die weiter anhaltende Unsicherheit, zu welchen Bedingungen Schering YAZ in den USA einführen könne, sagte Analystin Blumenthal.

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