Wirtschaft : Schering sammelt sich

Mitarbeiter unterstützen Management auf einer Betriebsversammlung / Spekulationen über Verkauf der Diagnostik-Sparte

Maren Peters

Berlin - Die Schering-Beschäftigen haben dem Management Rückendeckung dafür gegeben, die Übernahmeofferte von Merck zurückzuweisen. „Wir sehen im jetzigen Angebot keine gute Chance für Schering“, sagte Gesamtbetriebsratsvorstand Norbert Deutschmann nach einer Betriebsversammlung am Dienstag in Berlin. „Die bittere Pille, die Merck uns verabreichen will, wird dadurch nicht bekömmlicher, dass sie von einem deutschen Unternehmen kommt.“ Unterdessen wird darüber spekuliert, dass Schering seine Kontrastmittel-Sparte verkaufen könnte, um den Unternehmenswert zu steigern. Angreifer Merck hat in der Zwischenzeit weitere Schering-Aktien gekauft. Das Darmstädter Unternehmen hält jetzt 5,1 Prozent der Papiere, wie der Homepage der US-Börsenaufsicht SEC zu entnehmen ist. In der vergangenen Woche waren es nach Angaben von Merck noch 4,8 Prozent.

Schering hatte seine rund 6000 Berliner Beschäftigten am Dienstagmorgen zu einer Betriebsversammlung in den Friedrichstadtpalast geladen. Dabei bekräftigten Schering-Chef Hubertus Erlen und Arbeitsdirektor Rainer Metternich nach Angaben von Teilnehmern, dass Schering unabhängig bleiben will. Das Berliner Unternehmen ist von einer Übernahme durch den Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck bedroht. Merck bietet 77 Euro je Schering-Aktie. Vorstand und Aufsichtsrat von Schering halten das Gebot für „nicht attraktiv“. Viele Analysten erwarten daher, dass Merck beim Preis noch nachlegen muss.

Nach der dreistündigen Betriebsversammlung, an der nach Angaben eines Schering-Sprechers rund 2500 Mitarbeiter teilnahmen, äußerten sich viele Teilnehmer optimistisch, dass die Abwehr gelingt. „Wir sind guter Dinge“, sagte Monika Hübner, die seit 16 Jahren bei Schering in der Finanzbuchhaltung arbeitet. Andere Kollegen sind skeptischer und machen sich Sorgen um den Job. „Bis vor zwei Wochen war ich sicher, bis zur Rente im Unternehmen zu bleiben“, sagt ein 37-jähriger Chemielaborant, der seit 21 Jahren bei Schering ist. „Bei einer Übernahme würden aber mit Sicherheit Arbeitsplätze vernichtet.“ Schering-Chef Erlen rechnet im Fall einer Übernahme mit dem Verlust von bis zu 7500 Jobs, Merck entgegnet, es sei unverantwortlich, jetzt eine Zahl zu nennen. Am Dienstag waren auch resignative Stimmen zu hören. „Wir können nicht viel machen“, sagte eine Schering-Mitarbeiterin, die dem Unternehmen seit mehr als zwei Jahrzehnten treu ist. „Wenn der Kapitalmarkt und die Großaktionäre die Übernahme wollen, dann haben wir keine Chance.“

Unklar ist noch, welche Abwehrstrategie das Schering-Management fahren wird. Vorstandschef Erlen hatte gesagt, er setze auf Wertsteigerung, ohne dies zu konkretisieren. In der Branche wurde gestern spekuliert, dass Schering seine Kontrastmittel-Sparte verkaufen könnte. Als potenzielle Käufer wurden Philips oder Siemens genannt. Beide stellen Geräte her, für die Schering Kontrastmittel liefert. Das Geschäftsfeld Diagnostika trägt mit 1,4 Milliarden Euro etwas ein Viertel zum Schering-Umsatz bei. Der Verkauf wird nach Tagesspiegel-Informationen in Schering-Kreisen nicht ausgeschlossen. Auch Analysten halten den Verkauf der Sparte für möglich, dessen Wert mit rund fünf Milliarden Euro angegeben wird.

Eine weitere Option wurde gestern dagegen verworfen. Der britische Pharmakonzern Glaxo-Smithkline hat nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters bereits 2003 einen Kauf von Schering geprüft und sich damals dagegen entschieden. Es sei daher unwahrscheinlich, dass er nun als so genannter „weißer Ritter“ in den Übernahmekampf eingreife.

„Das größte Problem für Schering ist wahrscheinlich die Zeit“, sagte ein Analyst. Merck will den Schering-Aktionären das offizielle Angebot laut SEC-Homepage Anfang April vorlegen. Danach haben die Anteilseigner sechs Wochen Zeit, um sich zu entscheiden.

Im Schering-Aufsichtsrat legte derweil das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Hermann-Josef Lamberti, sein Mandat nieder. Damit solle ein Interessenkonflikt vermieden werden, teilte Schering mit. Die Deutsche Bank berät Merck.

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