Wirtschaft : Schering stärkt sich für Übernahmen

Berliner Pharmakonzern will zukaufen, wenn sich Chancen bieten – die Geschäftsprognose bleibt vorsichtig

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Berlin (mot). Die Berliner Schering AG wagt sich nicht aus der Deckung: Hubertus Erlen, Vorstandschef des drittgrößten deutschen Pharmakonzerns, erwartet bis 2004 nur ein Umsatzwachstum „im mittleren einstelligen Bereich“. Bis 2006 werde das Unternehmen im Marktdurchschnitt zulegen. Die Prognose für das laufende Jahr gelte aber nur, wenn der durchschnittliche Eurokurs 2004 nicht über 1,30 Dollar liege. Erlen versicherte am Donnerstag bei der Vorlage der Bilanz für 2003, Schering verfüge trotz eines gesunkenen Betriebsgewinns über die nötige Finanzkraft für mögliche Übernahmen. Ob es schon konkrete Kandidaten gibt, ließ er allerdings offen. Die ScheringAktie notierte zuletzt nahezu unverändert bei 40,64 Euro.

„Wir wollen gelobt werden, wenn wir gute Ergebnisse liefern, nicht wenn wir viel versprechen“, begründete Erlen den zurückhaltenden Ausblick. Schering sei trotz vielfältiger Belastungen exzellent aufgestellt, „den medizinischen Fortschritt mit Innovationen voranzutreiben“. Das Geschäft sei solide und finanziell gesund. Die Umsatzträger – etwa das Multiple-Sklerose-Medikament Betaferon (700 Millionen Euro) oder die Anti-Baby-Pille Yasmin (290 Millionen Euro) – hätten im Jahr 2003 stark zugelegt. Die Forschungspipeline sei gut gefüllt. Gleichwohl deutete Erlen an, dass Schering weiter Kosten sparen und effizienter werden müsse. „Wir sind dabei, unsere Strategie noch einmal zu fokussieren.“ Die Einstellung oder den Verkauf von Produkten schloss Erlen nicht ausdrücklich aus.

Finanzvorstand Jörg Spiekerkötter bestätigte frühere Angaben, wonach das Betriebsergebnis im Jahr 2004 über dem bereinigten Vorjahreswert von 620 Millionen Euro liegen soll. Angesichts einer Eigenkapitalquote von 54 Prozent sei Schering für Zukäufe gewappnet. Im laufenden Jahr sollen zudem vier Millionen eigene Aktien zurückgekauft werden, die gegebenenfalls für Übernahmen eingesetzt werden können. Die liquiden Mittel belaufen sich Spiekerkötter zufolge auf 600 Millionen Euro und erlauben dem Unternehmen die Aufnahme von Schulden in Höhe von einer Milliarde Euro, ohne dass die Bonität des Konzerns Schaden nimmt. Der M&A-Markt (siehe Lexikon) sei in Bewegung und Schering werde „die Chancen nutzen, wenn sie sich ergeben“, sagte Spiekerkötter. Interessant seien Übernahmen in den Geschäftsfeldern Onkologie, Diagnostik und Empfängnisverhütung.

Ob Schering angesichts eines vergleichsweise niedrigen Börsenwertes von rund acht Milliarden Euro selber Übernahmekandidat sei, wollte Vorstandschef Erlen nicht kommentieren. Der Einstieg von Finanzinvestoren ist nach Angaben des Vorstands ebenfalls ein „unwahrscheinliches Szenario“. „Unsere Strategie ist eine Spezialistenstrategie“, sagte Erlen. Schering sei in Nischen stark und müsse nicht auf allen Märkten „große Marketingmuskeln“ spielen lassen.

Vor allem in den USA, dem wichtigsten Pharmamarkt der Welt, will Schering aber weiter wachsen und seinen Umsatz bis 2006 auf zwei Milliarden Dollar verdoppeln. Bisher macht das Unternehmen ein Viertel seines Umsatzes von 4,8 Milliarden Euro in den USA. Wegen des schwachen Dollars sanken dort die Erlöse 2003 aber auf Eurobasis um sechs Prozent. Die Dollarabwertung – Schering macht rund die Hälfte des Umsatzes im Dollarraum – belastet seit gut einem Jahr das Geschäft des im Dax notierten Pharmakonzerns. 50 Prozent des Währungsrisikos werden durch so genannte Hedginggeschäfte abgesichert, die 2003 einen Gewinn von 66 Millionen Euro erbrachten.

Belastend wirken zudem der verschärfte Wettbewerb durch Nachahmermedikamente (Generika) und die Folgen der Gesundheitsreform. Das Ziel, die operative Marge, also das Verhältnis von Vorsteuerergebnis zum Umsatz, auf 18 Prozent zu bringen, sei angesichts des Dollarverfalls „sehr viel ehrgeiziger geworden“, räumte Erlen ein.

Wie Schering schon im Februar mitgeteilt hatte, sank der Umsatz im Jahr 2003 um vier Prozent auf 4,83 Milliarden Euro. Der Gewinn ging um fünf Prozent auf 443 Millionen Euro zurück. Vor allem der Abbau von Personal kostete etwa 33 Millionen Euro. Die gleiche Größenordnung sei für 2004 geplant, sagte Spiekerkötter. Das Ergebnis werde ferner neben dem Wegfall von Hedginggewinnen durch Preisreduzierungen in Folge der Gesundheitsreform (25 Millionen Euro), Rabatte in Japan (15 Millionen) sowie Währungsrisiken in unbekannter Höhe belastet.

Analysten wurden von den Schering-Zahlen bestätigt. Helaba Trust bekräftigte seine Empfehlung, die Aktie unterzugewichten. Der Konzern habe die Straffung seiner Strukturen noch nicht energisch genug angegangen, der Ertragsausblick sei schwach. Die Landesbank Rheinland-Pfalz, nimmt an, dass sich die Aktie wie der Gesamtmarkt entwickelt, fürchtet aber, dass Schering bei der Vorlage der Halbjahresergebnisse sein bisheriges Margenziel nach unten korrigieren muss.

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