Wirtschaft : Schienen im Sand

von

Berlin - Die Deutsche Bahn hat gute Chancen auf einen neuen Großauftrag aus der Golf-Region. Sie soll in den Vereinigten Arabischen Emiraten Eisenbahnsysteme planen, bauen und betreiben, wie der Tagesspiegel am Sonntag aus unternehmensnahen Kreisen erfuhr. An diesem Sonntag wollen demnach Bahn-Vorstandschef Rüdiger Grube und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) in Abu Dhabi eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnen. In der Region würden in den kommenden Jahren Milliardenbeträge in die Schiene investiert – hier rechne man sich große Chancen aus, heißt es im Umfeld des Konzerns.

Geschäftspartner der Bahn soll die Al-Masaood-Gruppe werden. Sie ist eines der größten Industrieunternehmen in den Emiraten, tätig in den Branchen Bau, Handel, Fahrzeuge und Immobilien. Die Größenordnung des Auftrags in Abu Dhabi sei aber nicht vergleichbar mit dem Auftrag für das Emirat Katar, den die Bahn im vergangenen November abgeschlossen hatte. Das Land will in den kommenden Jahren mehr als 17 Milliarden Euro in den Ausbau seiner Schienen-Infrastruktur investieren und hat die Bahn damit beauftragt, ein Fernverkehrs- sowie ein Metrosystem aufzubauen und später auch zu betreiben. Auch in Katar tritt die Bahn mit einem Partner aus der dortigen Wirtschaft an.

Zwar sei das neue Geschäft noch nicht endgültig unter Dach und Fach, hieß es in informierten Kreisen. Die Tatsache, dass der Verkehrsminister eigens anreise, zeige aber, dass die Verhandlungen in einem weit fortgeschrittenen Stadium seien und die Chancen der Bahn auf einen Vertragsabschluss gut stehen.

Abu Dhabi bildet zusammen mit sechs anderen Emiraten die Vereinigten Arabischen Emirate und ist deren Hauptstadt. Abu Dhabi gehört zu den Ländern mit den höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt und verfügt zudem über beträchtliche Erdölreserven. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Rohstoffe nutzt das Emirat, um im In- und Ausland zu investieren.

Minister Ramsauer hatte die Bahn in den vergangenen Monaten immer wieder aufgefordert, nach Wachstumschancen auch im Ausland zu suchen. Hierzulande greifen Wettbewerber den ehemaligen Monopolisten an, sowohl im Güter- und Regionalverkehr als auch in diesem Jahr erstmals im Fernverkehr auf der Schiene. Mit dem Engagement im Wüstenstaat Abu Dhabi würde die Bahn ihre Strategie bekräftigen, sich international breiter aufzustellen. Im vergangenen Jahr machte sie knapp ein Drittel ihres Umsatzes im Ausland. Der Konzern hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmen im Ausland gekauft, zuletzt vor allem in Europa. Derzeit ist er bestrebt, den britischen Bahn- und Buskonzern Arriva zu übernehmen, der in zwölf Ländern Europas tätig ist. Inklusive der Schulden müsste die Bahn dafür gut 2,6 Milliarden Euro aufbringen. Ein Gebot hat der Konzern noch nicht abgegeben. Womöglich wird es eine Bieterschlacht mit der französischen Staatsbahn SNCF geben.

In den arabischen Raum setzt die deutsche Wirtschaft derzeit große Hoffnungen. „In der Region gibt es eine Reihe von Großprojekten, die für deutsche Unternehmen höchst attraktiv sind“, sagte Felix Neugart, Mittelost-Experte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Die Länder am Golf setzten in den Bereichen Schiene, Straße, Wohnungsbau, Wasserversorgung oder Energieerzeugung auf eine umfassende Modernisierung. „Es geht um ein qualitatives Wachstum. Die Länder wollen ihre Wirtschaft breiter aufstellen und nicht nur von Rohstoffen abhängig sein – sie wissen, dass das Öl endlich ist“, befand Neugart.

Dabei spielt auch der Umweltschutz eine wachsende Rolle. In Abu Dhabi entsteht derzeit für 22 Milliarden Dollar das Masdar-Projekt, ein Vorzeige-Vorhaben, bei dem eine Stadt, die ohne Emissionen auskommen soll, in die Wüste gebaut wird. Wegen dieses Bewusstseinswandels werden auch dem als umweltfreundlich geltenden Schienenverkehr in der Region gute Wachstumschancen eingeräumt – bei Straßen- und U-Bahnen ebenso wie im Fernzugverkehr. „Angesichts der hohen Öl- und Gaspreise der vergangenen Jahre ist das Geld für diese Investitionen reichlich vorhanden“, erklärte DIHK-Fachmann Neugart. Bislang hatten die Golf-Staaten vor allem auf den Bau von Straßen gesetzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar