Schiesser : Joop will Feinripp retten

Der Designer Wolfgang Joop möchte den insolventen Textil-Hersteller Schiesser übernehmen. Bei den Beschäftigten des Unternehmens in Radolfzell kommt das gut an.

Heike Jahberg

Berlin - Wenn Hans-Dieter Schädler in diesen Tagen Freunde und Bekannte trifft, gehen die Daumen hoch. „Seit der Name Joop bekannt geworden ist, ist die Stimmung gut“, sagt der Betriebsratsvorsitzende von Schiesser. Dabei hatte manch einer an einen Aprilscherz geglaubt, als am Mittwoch bekannt wurde, dass der Potsdamer Edeldesigner den insolventen Hersteller von Feinripp-Unterwäsche übernehmen will. Doch Joop ist es ernst: Er will bei Schiesser nicht nur Unternehmer, sondern auch Créateur sein. „Es wird wieder angesagt sein, Schiesser auf der Haut zu tragen“, verspricht er Mitarbeitern und Kunden.

In Radolfzell am Bodensee kann man gute Nachrichten dringend gebrauchen. Seit Februar ist Schiesser zahlungsunfähig. Das Traditionsunternehmen – 1875 gegründet – hatte sich mit Lizenzprodukten für Labels wie Hilfiger, Puma oder Levi’s übernommen, hinzu kamen massive Logistikprobleme. Als sich die Mutter, die Schweizer Holding Hesta Tex, weigerte, weiteres Geld zuzuschießen, ging Schiesser in die Insolvenz. Seitdem ist Insolvenzverwalter Volker Grub an Bord. Er ist sicher, dass das Unternehmen Zukunft hat. „Die Marke Schiesser ist fast krisensicher“, sagte Grub dem Tagesspiegel am Sonntag.

Der Insolvenzverwalter ist keiner, der mit Namen hausieren geht. Wie viele Interessenten sich bei ihm bereits gemeldet haben, sagt er nicht. Es seien aber einige, darunter auch – wie Joop – Unternehmer aus der deutschen Textilwirtschaft. Auf Joops Bewerbung reagierte Grub erfreut. Doch die möglichen Investoren müssen sich noch gedulden. Anfang Mai wird das Insolvenzverfahren eröffnet, Mitte Juni soll die erste Gläubigerversammlung stattfinden, „erst dann kann ich mit den Gesprächen beginnen“, betont Grub.

Von den Interessenten hat sich bislang erst einer geoutet, und das ist Wolfgang Joop. Den Designer hat man bislang nicht mit Schlüpfern und BHs in Verbindung gebracht. Im Gegenteil: Mit seiner Firma „Wunderkind“ schneidert er 2000- Euro-Kleider für Frauen mit Geschmack und Geld. Er verwendet teure Materialien, er arbeitet mit ausgewählten Zulieferern zusammen. Er wohnt in einer weißen Villa am Heiligen See in Potsdam, er arbeitet wenige Schritte weiter in der Rumpf-Villa – wie vor ihm Lovis Corinth und Max Liebermann.

Kompromisse will Joop nicht mehr machen. Die Firma, die seinen Namen trägt, hat er längst verkauft. Mit den Jeans und T-Shirts, die massenhaft unter seinem Namen über den Ladentisch gehen, hat er schon seit vielen Jahren nichts mehr zu tun. 80 Millionen Euro soll er damals bekommen haben, einen Großteil des Geldes hat er in Wunderkind investiert. „Ich bin vermögend, aber nicht allzu flüssig“, hatte er im Tagesspiegel-Interview gesagt. Das war vor zweieinhalb Jahren. Seitdem ist Wunderkind weiter gewachsen. Neben dem Flagship-Store am Gendarmenmarkt hat Joop weitere Läden eröffnet, darunter auch eine Boutique in London.

„Das Geschäft läuft gut“, berichtet Oliver Jacobs, Sprecher bei Wunderkind. Vom Wirtschaftsjahr 2007 auf 2008 sei der Umsatz um knapp 100 Prozent gestiegen – „gegen den Branchentrend“. Doch was das in Euro und Cent heißt und ob Joop mit seinem Label Geld verdient, dazu will Jacobs nichts sagen.

Dabei ist klar: „Schiesser gibt es nicht zum Nulltarif“, betont Insolvenzverwalter Volker Grub. Und auch um das Unternehmen fortzuführen, braucht man Geld. „Schiesser kostet Geld“, das ist auch dem Berliner Rechtsanwalt Markus Hennig klar, der Joop beim Werben um den Wäschehersteller betreut. Allerdings steht Joop nicht allein da, sondern hat sich weitere Mitstreiter für Schiesser gesucht. Deren Namen nennt er nicht, nur so viel: Es handelt sich um Privatinvestoren.

Trotz der Freude über Joop kann manch einer in Radolfzell nicht verstehen, was ein internationaler Spitzendesigner an Schiesser findet. Mit Feinripp machen wir unser Geschäft, heißt es. Will der Paradiesvogel etwa alles ummodeln?

Wohl kaum. Denn Joop war sich – trotz seiner internationalen Karriere – stets seiner deutschen Wurzeln bewusst. Nicht ohne Grund ist er nach Potsdam heimgekehrt, um hier an seinem Geburtsort zu zeigen, „wo mein Herzblut steckt“. Das Preußische, die Bilder aus seiner Kindheit – auch das gehört zur Person Joop. „Schiesser ist eine hochinteressante Marke mit einer großen Tradition“, sagt Hennig auf die Frage, warum Joop Schiesser will. Zudem müsse der Wäschehersteller doch auch nicht für alle Ewigkeit mit Feinripp verbunden werden.

Tatsächlich hat sich schon einmal ein Designer an Schiesser versucht. Kostas Murkudis hat Pullis und Hemden entworfen. Gelernt hat er unter anderem bei – Wolfgang Joop.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben