Schiesser-Verkauf : Schlüpfer im Angebot

Die insolvente Wäschefirma Schiesser wird verkauft. Die Zahl der Bieter ist groß - der bekannteste gehört zu den führenden deutschen Modeschöpfern.

David Lerch

Düsseldorf – Die insolvente Traditionsfirma Schiesser sucht ab sofort einen Käufer. Wie das Unternehmen in Radolfzell am Bodensee mitteilte, verzichtet die bisherige Eigentümerfamilie Bechtler auf ein neues Angebot an die Gläubiger und macht damit den Weg frei für ein geordnetes Bieterverfahren. Insolvenzverwalter Volker Grub rechnet dabei mit einem hohen Verkaufspreis. „Es liegen etwa 50 schriftliche oder mündliche Anfragen für Schiesser vor“, sagte Grub dem Tagesspiegel. Er erwartet, dass in den nächsten Wochen weitere dazukommen werden. Bis spätestens März 2010 will Grub den Pionier der Feinrippunterwäsche verkauft haben.

Der einzige bisher bekannte Interessent ist der Modedesigner Wolfgang Joop, der eine Gruppe internationaler Investoren hinter sich versammelt hat. Deren Namen will Joop nicht nennen, aber offenbar steht der Gruppe die Summe von 500 Millionen Euro zur Verfügung. Bereits im Mai hatte der Potsdamer Modemacher den Bodensee besucht und sein Interesse an Schiesser verkündet. Entsprechend positiv wurde die Nachricht am Mittwoch aufgenommen. „Wir freuen uns über die Entscheidung von Schiesser und stehen zu unserem Wort“, sagte eine Sprecherin von Joops Investorengruppe. Sobald man Einblick in die Geschäftszahlen habe, werde man einen belastbaren Vorschlag ausarbeiten. Das wird in etwa vier Wochen der Fall sein. Bis dahin will Grub ein Exposee mit den relevanten Fakten verschicken, ab September rechnet er mit ersten Angeboten.

Ob Joop den Zuschlag erhält, ist allerdings mehr als ungewiss. Zwar lobt der Insolvenzverwalter dessen Bekenntnis zu Schiesser, auch wolle er ihn persönlich am Telefon über den weiteren Ablauf informieren. Doch mehrfach versichert Grub: „Für Wolfgang Joop gibt es keine Sonderrolle.“ Es ist offensichtlich, dass bei dem schwäbischen Juristen und dem schillernden Modezar zwei Welten aufeinanderprallen. Grub will den Gläubigern nüchterne Zahlen für eine Wäschefirma vorlegen, ein trockenes betriebswirtschaftliches Konzept. Joop steht für den Glamour der internationalen Modeszene, für Haute Couture statt Massenware. Schon die erste Begegnung der beiden erzeugte Misstöne. „Der Herr hat mir wohl übel genommen, dass ich nicht sofort mit fliegenden Fahnen an ihn verkauft habe“, sagte Grub. In der Branche hält man Joops öffentliches Werben um Schiesser für ungeschickt. Grub lege keinen Wert auf Publicity, heißt es. Markus Ostrop vom Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie hält den Stardesigner gleichwohl für einen attraktiven Käufer: „Wenn Joop etwas in die Hand nimmt, ist das sehr Erfolg versprechend.“

Neben der Potsdamer liegen zahlreiche weitere Anfragen vor. Etwa 20 der 50 Interessenten sind Grub zufolge ernst zu nehmen. Unter ihnen sind auch mehrere Finanzinvestoren, die der Insolvenzverwalter für geeignet hält. Die Arbeitnehmerseite sieht der Entscheidung gelassen entgegen. „Uns wurde versichert, dass an niemanden verkauft wird, der den Standort Radolfzell verlagern oder Arbeitsplätze abbauen will“, sagte der Vorsitzende des Betriebsrats, Hans-Dieter Schädler. Rund 560 Menschen arbeiten derzeit am Stammsitz von Schiesser, mit den Produktionsstätten im Ausland sind es knapp 2000.

Der 1875 gegründete Wäschehersteller musste im Februar dieses Jahres Insolvenz anmelden – auch wegen unrentabler Lizenzgeschäfte für andere Marken wie Puma oder Tommy Hilfiger, die inzwischen gekündigt wurden. Nach Angaben von Grub schreibt das Unternehmen in der Insolvenz schwarze Zahlen. Von Januar bis Mai 2009 betrug der Gewinn vor Abschreibungen 1,5 Millionen Euro, 2008 stand im gleichen Zeitraum noch ein Verlust von 300 000 Euro zu Buche. Auch der Ordereingang für die kommende Herbst- und Wintersaison liegt offenbar über den Planungen. Schiessers Schulden belaufen sich auf insgesamt 86 Millionen Euro. David Lerch

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