Schiffsmodelle : Halbe Fahrt voraus

Eine Pankower Firma ist Europas größter Schiffsmodellbauer. Die Geschäfte laufen gut – doch manche Pleiten schlagen Wellen.

Jan Oberländer
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Heute bestehen die Modelle überwiegend aus Kunststoff, so auch das Wadan-Containerschiff. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Ein Riesenkahn. Mächtiger Rumpf, unzählige Container auf Deck. Es ist nur ein Modell, das in einer der Fertigungshallen von Modellbau Georgi in Berlin-Pankow steht, aber es ist beeindruckend groß. Maßstab 1:100, knapp zwei Meter Länge vom Bug bis zur Achterlaterne, 50 Kilo Gewicht. „Sechs Wochen braucht ein Mitarbeiter für so ein Schiff“, erklärt Firmenchef Reinhard Georgi.

In diesem Fall hat der Mitarbeiter allerdings umsonst geklebt und geschmirgelt. Bestellt hat das 8500 Euro teure Modell nämlich die Wismarer Wadan-Werft, die im Juni Insolvenz anmelden musste. Der Ausfall dieses Kunden habe ihn auf einen Schlag 50 000 Euro gekostet, sagt Georgi, das Containerschiff war nicht die einzige Wadan-Bestellung. Auf die mögliche Landesbürgschaft für die Werft, von der Anfang der Woche die Rede war, mag der Chef noch nicht hoffen. Erstmal abwarten. Der Containerschifffahrtsbranche geht es zur Zeit ja nicht sehr gut.

Aber Georgi, 53 Jahre alt, breite Schultern, dichter Schnauzbart, lässt sich von so einer kleinen Flaute nicht die Laune verderben. Klar, global sehe die Lage gerade ziemlich katastrophal aus. Verzweifeln werde er deshalb aber nicht. „Es geht immer nach vorne“, sagt er. Die Krise müsse eben beflügeln.

Und die Geschäfte laufen gar nicht schlecht, zwei Millionen Euro Umsatz macht Georgi Modellbau im Jahr. Rund 150 große Schiffsmodelle lässt das Unternehmen jährlich vom Stapel, hinzu kommen Dutzende kleinere Yachten und Schlepper. In diesem Bereich ist die Firma Marktführer in Europa. Neben den Schiffen werden in dem 500-Quadratmeter-Betrieb aber auch Maschinen und Anlagen modelliert, oder Entwürfe für Architekten.

Die Modelle würden oft zu Präsentationszwecken gebraucht, erklärt Georgi. Die Kunststoffkähne stehen etwa auf Schifffahrtsmessen. Oder sie machen als Designmodelle abstrakte Entwürfe lebendig. Computersimulationen könnten das nicht so gut, meint Georgi. „Die Leute wollen was zum Anfassen.“ Manche Modelle dienen auch einfach nur als repräsentative Bonbons. Wenn etwa eine Reederei eine Yacht verkauft, übergibt sie dem Kunden neben dem Schiff auch die Nachbildung. Die kann man sich dann in die Wohnung oder ins Büro stellen.

Georgis Auftraggeber sitzen auf der ganzen Welt, alle großen deutschen Werften sind darunter, viele Reedereien, etliche Scheichs. Microsoft-Mitgründer Paul Allen ließ sein Luxusboot „Octopus“ nachbauen, der Milliardär Roman Abramowitsch seine mit Raketenabwehrsystemen bestückte Yacht.

Georgi hat die Firma 1996 übernommen. Vor der Wende gehörte das Unternehmen zum DDR-Werbekombinat Dewag. Nach der Wende versuchte die Treuhand erfolglos, Investoren zu finden. Als das Aus drohte, stellte sich Abteilungsleiter Georgi selbst ans Ruder. Mit vier Mitarbeitern und 5000 Mark Kredit brachte er das Unternehmen binnen kurzer Zeit auf Kurs.

Das Geld investierte er vor allem in moderne Technik, er kaufte eine neue Computerfräse und eine Vakuumgusskammer für Kunststoffteile. Auch auf die hauseigene Lackiererei ist er stolz. „Wir haben uns qualitativ durchgesetzt“, sagt Georgi. Ein zufriedener Kunde bringe den nächsten. Er übergebe die fertigen Modelle seinen Auftraggebern grundsätzlich persönlich: „Der Kunde braucht ein Gesicht, ein Gegenüber“.

Auch mit seinen Zulieferern pflegt Georgi ein gutes Verhältnis. Kunststoffteile wie Winden, Kräne und Poller stellt eine Partnerfirma in Pankow her. Auch Drehereien, Tischler oder Glaser in der Gegend bekommen Aufträge für Messingteile und Plexiglaskästen. Architektur-Projekte entstehen in Zusammenarbeit mit einer Firma in Prenzlauer Berg. Nicht nur seine 27 Leute, sondern noch weitere zehn Jobs hingen von seinem Modellbaugeschäft ab, sagt Georgi.

Unter seinen Mitarbeitern sind viele Quereinsteiger. Es gibt Bildhauer, Architekten, ehemalige Bauarbeiter und einen Eisenbahner. Auch Georgis 28-jährige Tochter, eine ausgebildete Zahntechnikerin, arbeitet seit anderthalb Jahren in dem Betrieb. „Irgendwer muss den Laden ja mal übernehmen“, sagt der Vater.

„Das Wichtigste für einen Modellbauer“, erklärt Georgi, „ist die Abstraktionsfähigkeit.“ Manchmal gibt es von einem Schiff nur Skizzen oder Fotos, die als Vorlage für ein Modell dienen. Meist aber gehen Georgis Leute von den Original-Bauplänen aus. Die einzelnen Teile werden maßstabsgetreu am Computer nachkonstruiert und anschließend aus dünnen Polystyrolplatten ausgefräst. Andere Teile werden freihändig gefertigt, mit Millimeterpapier, Cutter und Pinzette. Modellbau ist Handarbeit. Und ziemlich anstrengend. „Ein paar Stunden Relings kleben ist wie ein Tag im Steinbruch“, lacht Georgi.

Viel Zeit zum Ausruhen gibt es nicht. Gerade ist ein neuer Auftrag aus England reingekommen, drei Yachten, 40 000 Euro. Auftraggeber: Top Secret. Von der Papenburger Meyer-Werft gibt es Aufträge bis 2012. Außerdem hofft der Geschäftsführer auf die Bundesmarine. „Die Schiffe sind unser Glück“, sagt Reinhard Georgi. Vielleicht interessiert sich ja sogar die Wadan-Werft irgendwann wieder für neue Modelle.

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