Schirmhersteller : Ein ganz toller Sommer

Die Schirmhersteller freuen sich. Sie verkaufen so viel wie lange nicht mehr.

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It’s raining, man! Ohne Schirm ist man in diesen Tagen aufgeschmissen. Foto: ddp
It’s raining, man! Ohne Schirm ist man in diesen Tagen aufgeschmissen. Foto: ddpFoto: ddp

Berlin - Wenn sich andere Menschen am liebsten unter der Decke verkriechen würden, läuft Willy Schüffler zu großer Form auf. „Ganz tolle Monate“ seien der Juli und der August gewesen, freut sich der Unternehmer. Mit seiner Liebe zum Regen steht Schüffler nicht allein da: „Ich habe es gern, wenn’s ordentlich schüttet“, sagt auch Michael Lackner.

Während ganz Deutschland über den Sommer schimpft, kann es für Menschen wie Schüffler und Lackner gar nicht genug regnen. Denn beide verdienen ihr Geld damit, Leute vor der Nässe zu schützen. Lackner ist Geschäftsführer der Knirps Licence Corporation GmbH & Co KG und damit für den meistverkauften Markenschirm der Welt zuständig. Schüffler, 63 Jahre, gehört zu den letzten deutschen Schirmherstellern. Zwischen beiden liegen Welten: 3000 Stück pro Jahr stellt Schüffler in seiner Essener Firma her, Knirps verkauft in derselben Zeit weltweit eine Million Schirme, darunter 300 000 in Deutschland.

Dennoch teilen die Weltfirma und der Traditionsbetrieb ein Schicksal. Schirme genießen in Deutschland kein hohes Ansehen. Während sich früher die Reichen mit kostbaren Schirmen schmückten, ist das Accessoire heute zu einem lästigen Übel verkommen. Schirme kauft man, weil man muss. Also, wenn es regnet. „An Regentagen verkaufen wir doppelt so viele Schirme wie an trockenen“, berichtet Schüffler. Kaum ist der Regen vorbei, verschwindet der Schirm in der Tasche, im Schrank oder bleibt vergessen in der U-Bahn, dem Bus oder im Restaurant zurück. Schirme sind Wegwerfartikel. 26 Millionen Stück werden im Jahr in Deutschland verkauft, der Durchschnittspreis liegt unter fünf Euro, weiß Schüffler. Der Unternehmer hat den Niedergang der Branche selbst miterlebt. Seit 1966 arbeitet er in dem Betrieb, den sein Vater 1920 gegründet hatte. Nach dem Krieg gab es noch 45 Hersteller in Deutschland, heute lassen sich die Schirmmacher an einer Hand abzählen. Der Verband der deutschen Schirmindustrie hat sich zwischenzeitlich aufgelöst, weil es keine Schirmindustrie mehr gibt. 1999 machte auch die letzte Schirmmacherinnung, die sich um die Ausbildung des Nachwuchses gekümmert hatte, dicht. Heute kommen 95 Prozent der Schirme, die in Deutschland angeboten werden, aus China.

Selbst die Weltmarke Knirps lässt in der Volksrepublik fertigen. Eine Frage des Preises sei das, sagt Geschäftsführer Lackner. Aber auch so muss man für das Standardmodell mindestens 29 Euro ausgeben. Made in Germany würde der Schirm über 100 Euro kosten, hat Lackner ausgerechnet. In Essen bei der Firma Schüffler schafft man das billiger. Die günstigsten Modelle gibt es ab 50 Euro, nach oben hin ist alles möglich. Für 500 bis 600 Euro kann man sich einen Schirm mit Silbergriff anfertigen lassen. Den Knirps gibt es auf Wunsch mit 150 Swarowski-Kristallen am Griff. Solcher Luxus kostet bis zu 300 Euro, dafür findet die Endfertigung dann auch in Österreich statt. Seit 2004 ist der deutsche Knirps nämlich Österreicher und gehört zum Schirmhersteller Doppler.

Das schlechte Wetter ist gut fürs Geschäft. Lackner rechnet damit, allein in Deutschland in diesem Jahr 15 000 bis 30 000 Schirme mehr zu verkaufen als im Vorjahr. Knirps würde das eine Umsatzsteigerung von fünf bis zehn Prozent bringen, angesichts eines Jahresumsatzes von vier Millionen Euro wären das 200 000 beziehungsweise 400 000 Euro mehr – allein in Deutschland.

Doch Lackner vertraut nicht nur auf den Klimawandel, sondern auch auf neue Designs. Die Stoffe sind mit Blumen- und Leopardenmustern bedruckt, selbst die Rüschen, mit denen die Fräuleins Anfang des vergangenen Jahrhunderts durch Parks flanierten, kommen wieder. Ob man damit junge Leute erreicht? Bisher jedenfalls wird der Knirps meist von „Damen ab 40, Gentlemen und Geschäftsleuten“ getragen, berichtet Lackner.

Hat der Schirm eine Zukunft? Glaubt man Klimaforschern, dann schon. Die Niederschläge nehmen zu, sagen sie, vor allem die Starkregen, die einen zivilisierten Menschen innerhalb von zwei Minuten zu einem nassen, zitternden Wesen mutieren lassen. Das ist gut für die Hersteller von Qualitätsschirmen, die nicht gleich beim ersten Widerstand einknicken, wie es Billigexemplare gern tun.

Lackner hofft, dass die Menschen den Wert von Qualitätsware wieder entdecken. Nicht nur in Deutschland. Der amerikanische Markt sei stark im Kommen, berichtet der Manager. Auch in Asien sieht er eine große Zukunft für sein Unternehmen, vor allem in den regenreichen Ländern Japan, Südkorea und China. Willy Schüffler in Essen fährt eine andere Strategie. Er produziert jetzt verstärkt Allwetter-Schirme. Die Modelle sind doppelt bespannt, haben spezielle Designs, halten 90 Prozent der UV-Strahlen zurück – und sind regendicht.

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