Wirtschaft : Schlag auf Schlag

Der Kollege stänkert, man ist sprachlos. Das geht vielen so. Die gute Nachricht: Das kann man ändern.

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Abgewehrt. Sprücheklopfer können nerven. Besonders, wenn einem erst zu Hause die passende Antwort einfällt. Doch mit der richtigen Technik kontert man sofort auf verbale Angriffe. Foto: dapd
Abgewehrt. Sprücheklopfer können nerven. Besonders, wenn einem erst zu Hause die passende Antwort einfällt. Doch mit der richtigen...Foto: dapd

Es waren nur wenige Worte, die Veronika Limas (Name geändert) sprachlos machten. In einer Diskussion über neue Vertriebsmodelle knallte ein Kollege der Abteilungsleiterin den Satz vor den Kopf: „Sie als Frau können das doch gar nicht beurteilen.“" Veronika Limas spürte, wie ihr Herz schneller schlug, das Blut in den Kopf stieg und sie rot anlief. Doch eine passende Antwort fiel ihr nicht ein. In diesem Moment hätte sie sich gewünscht, schlagfertig zu kontern.

„Viele Menschen denken, dass Schlagfertigkeit ein Charakterzug ist, den man entweder hat oder nicht“, sagt Cäcilie Skorupinski. „Dabei kann man es lernen, schlagfertig zu reagieren.“ Die Wirtschaftsrhetorikerin bietet Einzelcoachings und Schlagfertigkeitsseminare an. „Gekonnt kontern“ heißt zum Beispiel einer ihrer Kurse an der Volkshochschule Pankow. „Im Beruf ist Schlagfertig wichtig, um Grenzen zu setzen oder um den eigenen Status zu verteidigen“, sagt sie. Viele Kursteilnehmer stellen sich die Frage: Wie gehe ich mit Hierarchien um? Wie verhalte ich mich, wenn ich subtil angegriffen werde?

Cäcilie Skorupinski gibt den Teilnehmern Muster an die Hand, mit denen sie den Ball zurückspielen können und die Lacher auf ihrer Seite haben. „Es gibt zum Beispiel das Mittel der Weiterführung“, erklärt sie. So hätte Veronika Limas kontern können: „Gerade als Frau kann ich das sehr gut beurteilen.“ Eine andere Methode ist die Übertreibung. „Dann habe ich ja Glück, dass Sie als Mann mit am Tisch sitzen“ wäre eine mögliche Antwort auf den frechen Satz des Kollegen. „Wenn man diese Muster kennt und übt, kann man sie mit der Zeit auch in Stresssituationen abrufen“, ist sich Cäcilie Skorupinski sicher. Im Wesentlichen gehe es darum, mit Kreativitätsübungen das assoziative Denken zu schulen.

Trainer und Coach Karsten Noack vergleicht Schlagfertigkeit im Job mit einer Kampfsportart wie Aikido. „Im Optimalfall zeige ich meine Waffen, aber setze sie nicht ein“, sagt er. „Mit meiner Antwort weise ich den Angreifer in seine Schranken, ohne ihn zu verletzen.“ Doch warum ist das überhaupt nötig? „Im Berufsleben werden wir immer wieder mit Mini-Angriffen konfrontiert, die darauf zielen auszutesten, wo man in der Rangordnung steht.“

Noacks Klienten in Sachen Schlagfertigkeit sind oft nicht die Inhaber oder Geschäftsführer eines Unternehmens, sondern stehen in der Hierarchie in der zweiten oder dritten Reihe. „Sie müssen ihre Position gegen Angriffe von oben und unten verteidigen.“ Sie hätten zwar die Möglichkeit, die verbalen Attacken zu ignorieren, doch werde das schnell als mangelnde Souveränität ausgelegt. Außerdem berge dieses Verhalten das Risiko, dass man die Angriffe in sich hineinfresse und irgendwann explodiere. Das wirke unprofessionell. „Vielen ist nicht bewusst, dass sie sich mit ihrem Verhalten und ihrer Körpersprache selber zur Zielscheibe solcher Angriffe machen.“ Karsten Noacks Schlagfertigkeitstraining setzt daher nicht auf flotte Sprüche, sondern auf eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung.

In Einzelcoachings oder Gruppen mit maximal sechs Teilnehmern spielt er Situationen durch und erarbeitet mögliche Reaktionen. „Eine Technik ist die direkte Ansprache: Wolltest Du das wirklich? Damit signalisiere ich: Ich lasse es nicht auf sich beruhen. Und: Ich kann auch anders.“

Die Körpersprache spiele dabei eine große Rolle. „Manchmal reicht es, eine Augenbraue hochzuziehen, um dem Angreifer den Wind aus den Segeln zu nehmen“, sagt Karsten Noack. „Viele Klienten berichten, dass sie im Anschluss gar keine Gelegenheit mehr hatten, das Gelernte anzuwenden. Sie strahlen so viel Souveränität aus, dass sich Kollegen und Vorgesetzte plötzlich mit verbalen Spitzen zurückhalten.“

Um Schnelligkeit und Spontaneität zu entwickeln, hat Karsten Noack eine Methode entwickelt, die er improRhetorik nennt. In den Workshops für Redner wird geübt, mit Sprache zu spielen und flexibel auf Einwürfe zu reagieren. „Anders als beim Impro-Theater, wo der Ausgang offen ist, haben die Teilnehmer hier ein Ziel vor Augen, dass sie rhetorisch erreichen wollen“, erklärt Karsten Noack. Durch die Technik entwickele man Vertrauen in das eigene rhetorische Können und stärke die Intuition.

Wie man schlagfertig reagiert, kann man laut dem Dozenten Michael Schmuck auch von Film-Charakteren lernen. In seinen Seminaren für Journalisten, Juristen oder Mitarbeiter großer Firmen zeigt er zum Beispiel Filmausschnitte aus der Justizkomödie „Hokuspokus“ von Curt Goetz oder „Charade“ mit Audrey Hepburn. Was auf der Leinwand als launiges Gespräch daher kommt, sei das Ergebnis stundenlanger Arbeit von Drehbuchautoren, macht Schmuck seinen Seminarteilnehmern klar. „Man muss sich nicht mit Film-Charakteren messen, aber man kann sich von ihnen inspirieren lassen und Techniken lernen.“ Zugleich möchte er den Druck nehmen, dass einem immer etwas Passendes einfallen muss.

In erster Linie möchte Schmuck Souveränität vermitteln. Dabei helfe zum einen Erfahrung, zum anderen die Auseinandersetzung mit Alltagssituationen. In Rollenspielen üben die Teilnehmer Situationen aus ihrem Berufsleben. So berichtete ein Journalist, wie ein Priester seine Interviewanfrage kategorisch abblockte und nichts sagen wollte. „Sie brauchen ja nicht die ganze Bergpredigt herunterbeten. Der ein oder andere Psalm würde es auch tun“, dachte sich die Gruppe als Antwort aus. „Der Satz könnte die verfahrene Situation auf humorvolle Weise auflockern“, sagt Michael Schmuck.

Ein häufiger Fehler sei es, eingeübte oder sogar beleidigende Plattitüden anzubringen. „Man darf in einem verbalen Schlagabtausch ruhig ein bisschen zynisch, aber niemals verletzend sein“, erklärt Michael Schmuck. Der andere sollte in jedem Fall sein Gesicht wahren können.

Man mag es mit einer guten Portion Schlagfertigkeit im Beruf zwar leichter haben, es ist aber nicht die Eigenschaft, die Chefs an ihren Mitarbeitern besonders schätzen. So ließ eine Personalleiterin Michael Schmuck von der Unternehmensführung ausrichten, man habe kein Interesse an seinem Training. Die Begründung: Man wünsche sich keine schlagfertigen Mitarbeiter – weder den Kunden und noch weniger den Chefs gegenüber.

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