Schlagabtausch mit GE : Siemens sieht seine Chance

General Electric will die Energiesparte von Alstom kaufen. Der Pariser Regierung passt das nicht. Nun sieht Siemens seine Chance.

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Abwehr. Der französische Industriekonzern Alstom steht vor der Zerschlagung. Siemens und General Electric kämpfen um den Einfluss bei dem Unternehmen. Die französische Regierung wehrt sich gegen den Einstieg der Amerikaner.
Abwehr. Der französische Industriekonzern Alstom steht vor der Zerschlagung. Siemens und General Electric kämpfen um den Einfluss...Foto: Fotolia, Montage: Sascha Lobers

Ginge es nach den führenden Politikern in Paris und Berlin, dann wäre die Sache vielleicht schon klar. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sieht in einer möglichen Übernahme von Teilen des französischen Konzerns Alstom durch den deutschen Konkurrenten Siemens „große Chancen und Potenziale“ für Deutschland und Frankreich. Gabriel stehe in engem Kontakt mit allen Betroffenen, sagte sein Sprecher am Montag. Er stimme sich dabei mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ab. Die französische Regierung wiederum hat sich direkt in die Kaufverhandlungen zwischen General Electric (GE) und Alstom eingeschaltet. Sie zeigte am Montag ihre Sympathien für das Siemens-Angebot.

Am Morgen hatte sich Frankreichs Präsident François Hollande mit GE-Chef Jeffrey Immelt getroffen. Danach hieß es, es gebe noch viel zu tun bezüglich des GE-Kaufangebots. Am Abend trafen sich Hollande und Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg dann zu Gesprächen mit Siemens-Chef Joe Kaeser und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme. Wie am Abend ein Insider Reuters erklärte, wolle Siemens an diesem Dienstag ein Gebot vorlegen, das im Laufe des Tages bekanntgegeben werde.

Vor zehn Jahren stand Alstom vor dem Aus

Hintergrund der Gespräche ist ein Angebot für Alstom, das der US-Konkurrent General Electric in der vergangenen Woche vorgelegt hat. GE wolle Alstom für „mehr als 13 Milliarden Dollar“ übernehmen, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg. Alstom ist ein politischer Konzern, auch wenn der französische Staat seine Anteile bereits an das französische Bau-, Energie- und Telekommunikationsunternehmen Bouygues abgegeben hat.

Vor zehn Jahren hatte die Regierung in Paris Alstom mit viel Geld vor dem Konkurs gerettet – und damit auch eine Übernahme wichtiger Geschäftsfelder durch den deutschen Konkurrenten Siemens verhindert. Nun steckt Alstom erneut in Schwierigkeiten, vor allem wegen schwindender Aufträge bei Kraftwerken. Alstom braucht dringend frisches Kapital – und erneut zeigt Siemens Interesse, genau wie der US-Konzern General Electric (GE).

18.000 Menschen arbeiten für Alstom in Frankreich

Alstom setzte zuletzt 20,3 Milliarden Euro um. Rund 70 Prozent davon entfallen auf den Energiebereich, der Rest auf die Bahnsparte, vor allem den Bau des französischen Hochgeschwindigkeitszuges TGV. Nach mehreren Sanierungsprogrammen beschäftigt Alstom heute weltweit noch 93 000 Mitarbeiter, davon 18 000 in Frankreich. Nach der staatlichen Rettungsaktion im Jahre 2004 musste Alstom rund 8500 Arbeitsplätze abbauen und zahlreiche Aktivitäten abstoßen. GE übernahm den ehemaligen Alstom-Stammsitz im ostfranzösischen Belfort. Siemens wiederum kaufte für 1,1 Milliarden Euro von Alstom die Sparte kleinerer und mittlerer Gasturbinen.

Heute haben sowohl Siemens als auch GE Interesse an der Energiesparte. Die französische Regierung will aber ein Wort mitreden, weil es sich beim Energiesektor um einen strategischen Bereich handelt. Alstom baut nicht nur Kraftwerke und Anlagen zur Energieübertragung, sondern liefert auch Bauteile für den Bau von Atomkraftwerken. Allerdings ist es umstritten, ob die Regierung tatsächlich ein Mitspracherecht hat.

Im Februar trafen sich Kaeser und Kron

Jedenfalls will Siemens dem Vorstoß von GE nicht tatenlos zusehen. Offenbar hat es bereits im Februar Kontakte zwischen Siemens-Chef Kaeser und Alstom-Chef Patrick Kron gegeben, die jedoch ohne Ergebnis blieben. Jetzt hat Kaeser in einem Schreiben an Kron sein Kaufinteresse bekundet. Demnach will Siemens den Energiebereich für zehn bis elf Milliarden Euro kaufen. Zugleich könnte der Siemens-Transportbereich mit den Hochgeschwindigkeitszügen zu Alstom kommen. Für mindestens drei Jahre will Siemens auch eine Jobgarantie geben.

GE hat Kaeser dabei dazwischengefunkt. Denn am 7. Mai wollte Kaeser bei der Vorlage der Halbjahreszahlen in Berlin seine neue Konzernstruktur vorstellen. Bisher hat Siemens darum ein großes Geheimnis gemacht. Kaeser will aber offenbar weiter Bürokratie im Unternehmen abbauen, die Ebene der Sektoren (bisher: Energie, Industrie, Gesundheit sowie Infrastruktur und Städte) soll wegfallen, dann wären die Geschäfte wieder direkt unter dem Vorstand angesiedelt. Auch die Verwaltung soll weiter verschlankt werden. Nach Informationen des „Manager Magazins Online“ werde der geplante Umbau tausende Stellen kosten. Bereits im Rahmen des laufenden Sparprogramms Siemens 2014 hatte der Konzern insgesamt 15000 Stellen abgebaut.

Es geht auch darum, GE nicht zum Zuge kommen zu lassen

Nun steht mit Alstom womöglich eine größere Übernahme an. „Eigentlich sollte Siemens lieber in Geschäfte mit stärkerem Wachstum und höheren Margen investieren“, sagte Commerzbank-Analyst Ingo Schachel. „In den Bereich Industriesoftware zum Beispiel.“ Alstom hingegen habe zuletzt eine schwache Bilanz präsentiert. Anders als bei GE und Alstom würde es bei einem Zusammengehen der Energiesparten von Siemens und Alstom deutliche Überschneidungen geben – bei den Kraftwerken und bei der Energieübertragung. In welchem Umfang dabei Synergien entstehen könnten ist offen, zumal Siemens-Chef Kaeser umfangreiche Arbeitsplatzversprechen gegenüber der französischen Regierung abgegeben hat. Andererseits würde so ein Zusammenschluss aber auch bedeuten, dass GE eben nicht zum Zuge kommt. „Es ist auf jeden Fall eine Überlegung wert, diesen Vorstoß von GE auf den europäischen Markt zu vereiteln“, sagte Analyst Schachel.

Alstom will seine „strategischen Überlegungen“ bis Mittwochmorgen abschließen. Die Börsenaufsicht wurde gebeten, den Handel mit Aktien des Konzerns bis dahin auszusetzen. mit AFP

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