Wirtschaft : Schlau, schlauer, zu schlau

Lange vernachlässigt: Langsam entdeckt die Wirtschaft das Potenzial von Mitarbeitern, die einen IQ von über 130 haben. Die Denker sind aber nicht in jedem Job gut aufgehoben

Gertrud A. Hussla
Ohne Nobelpreis. Albert Einstein hat als Wissenschaftler Karriere gemacht. Viele Hochbegabte aber kommen beruflich nicht sehr weit.Foto: dpa
Ohne Nobelpreis. Albert Einstein hat als Wissenschaftler Karriere gemacht. Viele Hochbegabte aber kommen beruflich nicht sehr...

Die Sorge, nicht richtig verstanden zu werden, schwingt immer mit. „Ach, jetzt habe ich Sie mit einem Redeschwall zugedonnert, konnten Sie folgen?“, fragt Berater Heinz-Detlef Scheer am Ende des Telefonats. Auch Unternehmer Volker Schatz unterbricht sich und gibt zu: „Ich erkläre wieder zu viel auf einmal.“

Scheer und Schatz sind Hochbegabte, Menschen mit einem Intelligenzquotienten von 130 oder höher. Sie haben im Berufsleben erfahren, dass schlauer zu sein als die anderen nicht immer von Vorteil sein muss. Sie wissen, dass sie leicht anecken oder unverstanden bleiben, wenn sie sich nicht an das Niveau ihrer Umwelt anpassen.

Wie ticken Hochbegabte? Personalmanager und -berater entdecken das Thema bestenfalls gerade erst. Dabei sind insgesamt 1,6 Millionen Deutsche oder rund zwei Prozent der Bevölkerung überdurchschnittlich clever. Sie lösen Intelligenztests deutlich schneller als der Rest.

Sie können Firmenchefs sein, Handwerker oder auch Hartz-IV-Empfänger. Denn ein kluger Kopf allein garantiert noch keine Karriere. „Gut die Hälfte aller Hochbegabten fällt nicht auf“, sagt Berater Scheer. Er schätzt, dass 80 Prozent der Betroffenen von ihrer Gabe gar nicht wissen. Sie wundern sich häufig nur.

Wenn es schlecht läuft, haben sie zwar mehrere Doktortitel, landen aber trotzdem beruflich im Abseits. Denn eine der größten Herausforderungen im Berufsalltag besonders intelligenter Menschen ist die Kommunikation: Sie verärgern ihre Kollegen, wenn sie spontan hochkomplexe Problemlösungen vorschlagen, weil sich die anderen von ihrem Tempo überfahren fühlen. Sie selbst sind gekränkt oder genervt, wenn andere sie nicht verstehen. „Man muss sich ständig für andere herunterregeln“, sagt zum Beispiel Klinikärztin Maya Zimmermann mit einem IQ von über 130.

Hochbegabten-Coach Scheer erinnert sich an einen Klienten, der trotz zweier Doktortitel oft den Arbeitgeber wechseln musste. Er machte die Chefs auf Fehler aufmerksam, ignorierte Verantwortlichkeiten und Hierarchien. „Er hat allen in ihr Hoheitsgebiet hineingepfuscht.“

Berater Heinz-Detlef Scheer, der selbst auch noch Musiker, Diplom-Psychologe und Buchhändler ist, macht wiederkehrende Muster bei seinen Klienten aus. Erstens: Sie steigen zwar rasch auf, fallen aber häufig auch tief. Zweitens: Sie legen sich mit Vorgesetzten und Kollegen an und machen sich unbeliebt. Und drittens besteht die Gefahr, dass sie sich verzetteln.

„Sie entdecken permanent neue Interessen, haben aber keine Strategie, welche sie verfolgen sollen“, sagt Scheer. Häufig fangen sie fünf oder sechs Ausbildungen an, zwei bringen sie vielleicht zu Ende. Oder sie haben mehrere Jobs gleichzeitig, davon zumindest einer als Chef in eigener Sache – auch das ist typisch für Hochbegabte. Richtig zu lernen hätten Hochbegabte oft nicht gelernt. Die Schule haben sie meist mit links erledigt.

Und kaum hätten die IQ-Rekordler ein wenig Ahnung auf einem Gebiet, werde es ihnen auch schon langweilig. „Aber zum beruflichen Erfolg gehört, dass man sein Handwerk konsequent einübt und beherrscht“, meint Claudio Seipel. Der hochintelligente Ex-Banker hat sich inzwischen als Unternehmensberater selbstständig gemacht. Aus gutem Grund: „In hierarchisch organisierten Unternehmen büßen Sie ein großes Maß an Freiheit ein“, sagt Seipel. „Da kommt rasch Frust darüber auf, dass man nichts bewegen kann.“

Dass Hochbegabte in traditionellen Industrieunternehmen nicht optimal aufgehoben sind, wissen auch Personalberater. „Besser sind für sie hierarchisch flache Unternehmen der New Economy“, sagt Jens Hohensee. Er ist Seniorberater bei der Personalberatung Kienbaum. Oder er rät gleich zu einem Posten als Managementberater. „Da wechseln ständig die Aufgaben. Und intelligenter Rat ist hier ausgesprochen erwünscht.“Generell ist aber für Personalberater der Intelligenzquotient eines Stellenbewerbers bis jetzt eher ein Randthema. „Wir testen die fachliche Qualifikation und die Persönlichkeitsstruktur, das sind die wichtigen Kriterien“ sagt Jens Hohensee.

Bestnoten im Examen hält er zwar für einen Pluspunkt. „Aber für die Top-Jobs muss mehr dazukommen“, sagt Hohensee. Wer es in der Wirtschaft bis ganz oben schaffen wolle, der müsse parkettfähig sein und „politische Allianzen erkennen, umgehen, und selbst welche schmieden können.“ (HB)

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