Wirtschaft : Schlimmer als der Bio-Terror

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Berlin (wez). Amerikanische Ärzte werden in diesen Tagen von ihren Patienten mit Fragen zu Milzbrand überschüttet. Nicht wenige US-Bürger nehmen vorsorglich Antibiotika, um sich vor einer möglichen Infektion mit den Bazillen zu schützen.

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Online Spezial: Bio-Terrorismus
Trittbrettfahrer: Empfindliche Strafen Der New Yorker Hausarzt Marc Siegel berichtet in der "New York Times" von einem völlig verstörten Angestellten aus der Nachbarschaft des zerstörten World Trade Center. Der Mann nimmt vorsorglich Cipro. "Das Milzbrand-Risiko ist extrem gering", sagt Siegel zu ihm, "glauben Sie mir." Darauf der Patient: "Ich glaube Ihnen, Doktor. Aber ich kann nicht aufhören, an Milzbrand zu denken." Schließlich dreht der Mann durch, plündert die Cipro-Vorräte des Arztes und stürmt hinaus. Warum es gerade das Antibiotikum Cipro zu so großer Popularität gebracht hat, ist zumindest aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar. Denn an Medikamenten gegen den Milzbrand herrscht kein Mangel.

Der Bazillus kann mit acht verschiedenen Antibiotika behandelt werden, wie aus einer Liste im Fachblatt "New England Journal of Medicine" hervorgeht. Erste Wahl sind die Penicilline V und G, gefolgt von Streptomycin und Tetracyclin. Ciprofloxacin ("Cipro") steht an letzter Stelle. Lediglich bei der Vorbeugung wird es zusammen mit dem Antibiotikum Doxycyclin empfohlen.

Amerikanische Seuchenexperten warnen vor der vorsorglichen Einnahme von Cipro. Sie sehen darin eine größere Gefahr als in den direkten Anschlägen mit Bio-Waffen. Noch sind Antibiotika wie Cipro eine scharfe Waffe im Kampf gegen etliche Bakterien. Werden sie ohne Grund massenhaft genommen, züchtet man im Organismus Bakterien, denen das Medikament nichts anhaben kann. Das Antibiotika-Schwert wird stumpf.

"Unser großes Problem ist nicht Bio-Terrorismus", sagt die Mikrobiologin Lucy Shapiro von der Universität Stanford in Kalifornien, "sondern, wie wir auf ihn reagieren. Die ungezielte Einnahme könnte zu einem erheblichen Anstieg der Antibiotika-Resistenz führen. Das ist echter Terror."

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