Wirtschaft : Schluck für Schluck

Deutsche Unternehmen müssen sich auf Übernahmen gefasst machen – Die Beschäftigten fürchten um ihre Arbeitsplätze

Dieter Fockenbrock[Daniel Rhee-Pi],Rolf Obertreis[Daniel Rhee-Pi]

Monika Reiter ist sauer. Und ebenso wie die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende empfinden Tausende Beschäftigte von Aventis in Frankfurt-Höchst. Die Menschen fürchten um ihren Arbeitsplatz und um das, was sie in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Denn ihr Unternehmen, in dem vor Jahren die alte Hoechst AG aufgegangen ist, soll von der französischen Sanofi-Synthélabo geschluckt werden.

Das hat auch die Politik auf den Plan gerufen. Ob Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (beide SPD) oder der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), alle haben sich zu Wort gemeldet. Klar, dass sich auch Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) für das Unternehmen einsetzt: „Das darf nicht gefährdet werden.“ Auch die Politiker fürchten den Abbau von Arbeitsplätzen in Deutschland und haben den Beschäftigten Unterstützung zugesagt. Droht nun der Ausverkauf Deutschlands, ist dies erst der Anfang?

Experten rechnen damit, dass die Zahl der Firmenübernahmen und Fusionen in diesem Jahr wieder kräftig steigen wird. Damit ist der drei Jahre dauernde Abschwung offenbar beendet. Nach dem Boom um die Jahrtausendwende, dessen Ende die 180-Milliarden-Euro teure Übernahme der Düsseldorfer Mannesmann AG markierte, ging es parallel mit den Börsen abwärts. Jetzt stellt die Königsteiner Beratungsfirma M&A International „verstärkte Kaufimpulse“ fest. Interessenten kämen vor allem aus dem Ausland. Im vergangenen Jahr seien schon mehr als 30 Prozent aller Transaktionen von ausländischen Käufern abgewickelt worden. Investoren aus den USA und aus Großbritannien stünden an der Spitze.

US-Fonds sind schon im Markt

Große Finanzinvestoren wie KKR, Permira oder Blackstone werden eine wichtige Rolle auf dem Markt spielen, sind sich Investmentbanker sicher. Die Branche habe rund 100 Milliarden Euro für Investitionen zusammen, heißt es. Übrigens nicht nur Geld von angelsächsischen Investoren, versichern Branchenkenner. Auch deutsche Versicherungsgesellschaften wählen zum Teil den Umweg über US-Fonds.

Hans Meier-Scherling, Managing Director beim Privatbankhaus Rothschild, rechnet ebenfalls mit einer deutlich zunehmenden Zahl von Fusionen und Übernahmen in Deutschland. „Die großen ausländischen Investoren, besonders die großen US-Fonds sind schon im Markt“, sagt der Investmentbanker. Aber das sei kein Grund zur Panik, im Gegenteil: „Die werden eine wichtige Rolle bei der Erneuerung der deutschen Wirtschaft spielen.“ Ausländische Investoren seien an deutschen Unternehmen besonders wegen des großen deutschen Marktes interessiert. Deutschland eigne sich zudem, vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung, als Sprungbrett. Außerdem gebe es gut ausgebildete Arbeitskräfte, die sich sehr stark mit ihrem Unternehmen identifizieren würden.

Zu den Branchen, die für ausländische Investoren besonders interessant sind, zählt Meier-Scherling den Finanzsektor, aber auch den Energie- und Versorgerbereich. „Der Maschinenbau wird durch den starken Euro unter Druck geraten“, sagt der Investmentbanker, und die Folgen der Gesundheitsreform könnten mittelständische Pharmaunternehmen zu Fusionen zwingen.

Von einer wichtigen Rolle der ausländischen Investoren spricht auch Michael R. Drill von der Privatbank Sal. Oppenheim. Fusionen seien oftmals die dringende Voraussetzung, die bestehenden Arbeitsplätze nachhaltig zu sichern (siehe nebenstehendes Interview). Und Drill ergänzt auf den aktuellen Fall Aventis eingehend: „Grundsätzlich halte ich politische Interventionen zum Beispiel im Zusammenhang mit der Übernahmeschlacht zwischen Sanofi und Aventis für falsch. Der Kapitalmarkt soll alleine entscheiden, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Fusion der beiden Pharmakonzerne Sinn macht oder nicht.“

Die Gelegenheit für Übernahmen ist günstig. Das Zinsniveau ist niedrig, was die Finanzierungskosten senkt. Die Unternehmen sind – vor allem an der Börse – auch vergleichsweise preiswert zu haben. Stephan Leithner, Chef des Investmentbankings in Deutschland bei der Deutschen Bank, spricht davon, dass einige deutsche Unternehmen etwa im Vergleich zu US-Gesellschaften um zehn bis 15 Prozent unterbewertet seien. Letzteres sei nicht zuletzt eine Folge des unterentwickelten deutschen Kapitalmarktes, sagt Leithner.

Einige Firmen, stellt AT Kearney fest, werden sogar unter Substanzwert gehandelt. Wer solche Aktiengesellschaften übernimmt, könnte schon allein durch einen Verkauf der Einzelteile Gewinn machen. Darauf haben es vielleicht Finanzinvestoren abgesehen, die am eigentlichen Geschäft der Industrie- oder Handelsfirmen überhaupt kein Interesse haben.

AT-Geschäftsführer Fritz Kröger rechnet jetzt aber verstärkt mit strategischen Investoren, die sich wie die Handelskonzerne Wal Mart oder Homedepot in Deutschland einkaufen, um dann in die europäischen Nachbarländer zu expandieren.

Und Meier-Scherling von Rothschild gibt zu bedenken, „Das Kapital sucht nach Opportunitäten. Deutsche Unternehmen haben manche Beteiligung sehr lange gehalten – jetzt wächst der Druck.“

Dennoch: Die Zeiten, als teilweise unrealistische Preise für die Unternehmen gezahlt wurden – immer in der Hoffnung, dass die Firmenwerte ins Grenzenlose steigen – sind vorbei. Berater und Unternehmen haben dazugelernt. Laut AT Kearney werden heute sowohl die erwarteten Kostensynergien aus einem Zusammenschluss als auch die Preise viel realistischer gesehen. Und auch Drill von Sal. Oppenheim äußert sich vorsichtig. „Auf der Basis fundamentaler Daten wie Gewinne und Cash Flows sind deutsche Firmen im internationalen Vergleich angemessen bewertet“, sagt er. Er räumt aber auch ein: „Im Vergleich zu europäischen Unternehmen sind die amerikanischen Wettbewerber in der Tat höher bewertet.“ Dies solle aber nicht zwangsläufig heißen, dass sie überbewertet sind.

Wut und Angst in Höchst

Doch alle diese Überlegungen gelten wenig bei den Mitarbeitern in Frankfurt-Höchst. Und sie lassen sich auch von Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq nicht beruhigen. Er wolle niemanden in Deutschland entlassen, hatte Dehecq Anfang der Woche in Frankfurt bekräftigt.

Niemand bei Aventis glaubt ihm. „Sanofi will durch die Übernahme 1,6 Milliarden Euro einsparen. Zugleich sagt das Sozialministerium in Paris, dass in Frankreich keine Arbeitsplätze gestrichen werden. Dass lässt nur einen Schluss zu", sagt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Reiter. „Dieser Standort hat sich gut entwickelt. Wir haben zukunftsträchtige Produkte in der Pipeline. Wir brauchen keinen Partner. Und schon gar nicht Sanofi", so Reiter.

Am Dienstag wird sich die Wut und die Angst der Mitarbeiter in der nahegelegenen Ballsporthalle entladen, dort, wo normalerweise die Basketballer der Opel Skyliners auf Korbjagd gehen. Die Halle wird randvoll, ist sich Monika Reiter sicher. Sanofi-Chef Dehecq würde mit Sicherheit niedergebrüllt. Trotz seiner Körpergröße von rund zwei Metern.

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