Wirtschaft : Schluckbeschwerden mit dem neuen Hartgeld

SIGRUN SCHUBERT

Ein Markstück nach dem anderen verschwindet im Schlitz.Lichter blinken auf, eine piepsige Melodie ertönt, der Spielautomat "Target" spuckt eine Kleingeldlawine aus.Harte Währung für weitere Runden vor der Rappel-Kiste.Noch rollen die Markstücke problemlos in den Zähler des Spielautomaten.Am 1.Januar 2002, dem Tag, an dem der Euro kommt, könnte das Geschäft mit den Münzen allerdings schwer ins Stocken geraten.Hersteller, Aufsteller und Betreiber müssen bis dahin kräftig investieren und logistische Probleme meistern, damit sich die Automaten am neuen Hartgeld nicht verschlucken.Der Aufwand ist groß: Rund eine halbe Million Unterhaltungs- und Spielautomaten müssen in Deutschland auf den Euro getrimmt werden.Damit nicht genug: Etwa 400 000 Kaffee- und Snackautomaten, 820 000 Zigarettenautomaten, münzbetriebenen Solarien und viele Fahrschein- und Parkautomaten steht die Währungs-Operation ebenfalls bevor.Insgesamt sind es mehr als zwei Millionen Münzschlucker, die fit für den Euro gemacht werden müssen.

Billig ist das nicht: Zwischen 100 und 1500 DM kostet die Umrüstung eines Geräts - je nach technischer Ausstattung und Modernität."Allein für Material fallen Kosten von insgesamt rund einer Milliarde Mark an", sagt Harro Bunke, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Automatenunternehmer.Kompliziert ist vor allem die Umrüstung älterer Geräte mit mechanischen Münzprüfern - hauptsächlich sind das Zigarettenautomaten.Bei diesen Maschinen muß ein großer Teil des Innenlebens ausgetauscht werden."Da viele der Automaten im Freien - und eben nicht in der Nähe einer Steckdose - stehen, ist eine Umrüstung auf die moderneren elektronischen Münzprüfer nur schwer machbar", erklärt Bunke.

Selbst bei den elektronischen Münzprüfern ist die Umrüstung kein Kinderspiel.Zwar bieten Hersteller wie Mars Electronics International in Viersen und National Rejectors Inc.(NRI) in Buxtehude Münzprüfer an, bei denen nur die Software umprogrammiert werden muß und die Umstellung auf den Euro innerhalb weniger Minuten geschehen könnte.Trotzdem müssen die Münzröhren und das Wechselgeld ausgetauscht werden.Das kostet Zeit.

Die ist schon jetzt knapp.Bisher gibt es noch keine Mustermünzen, nach denen die Münzprüfer ausgerichtet werden können."Heute kann noch kein Mensch sagen, wann welche Münzen über welchen Kanal zur Verfügung stehen", schimpft Norbert Renzig, Prokurist für Marketing und Vertrieb beim Berliner Automatenhersteller Bally Wulff.Erst wenn diese Fragen geklärt sind, kann mit der Umrüstung der Münzprüfer begonnen werden."Wenn die neuen Geldstücke und Scheine - wie angekündigt - erst in der zweiten Jahreshälfte zur Verfügung stehen, hat die Automatenindustrie kaum noch eine Chance, rechtzeitig mit der Umstellung zu beginnen", sagt Bunke.

Der sogenannte Big Bang ist ein weiteres Problem.Der Einzelhandel fordert, daß der Euro von einem Tag auf den anderen einziges gesetzliches Zahlungsmittel wird, die Umstellung über Nacht erfolgt."Für die Automatenbetreiber unmöglich", meint Sven Tobben, Vorstand im Verband der deutschen Automatenindustrie.Die Folge: Viele Automaten würden über Monate stillstehen."Allein bei Getränke- und Verpflegungsautomaten drohen Umsatzeinbußen von einer Million Mark pro Tag", fürchtet Bunke.Allerdings glauben inzwischen immer mehr Politiker und Einzelhändler, daß die Umstellung über Nacht illusorisch sei."Aus rein praktischen Gründen scheint eine Übergangsphase von rund drei Monaten realistisch", sagt Bunke.

Eine weitere Schwierigkeit dürfte weniger einfach zu lösen sein: die Münzknappheit.Brüssel hat angekündigt, daß zunächst keine Fünf-Euro-Münzen in Umlauf kommen, um die Inflation nicht anzuheizen.Für höherwertige Dienstleistungen müssen dann mehr Münzen mit niedrigen Werten in die Automaten geworfen werden.Und stecken dort zunächst fest.Die geplante Zahl der Euro-Münzen ist ohnehin schon geringer als die von D-Mark und Pfennig: Insgesamt wird es in Deutschland lediglich 8,6 Mrd.Euro-Münzen im Gegenwert von 7,6 Mrd.DM geben, das sind nur rund 60 Prozent des Wertes der heutigen DM-Münzen von rund 13 Mrd.DM."Die Zahl der neuen Münzen ist bei weitem zu gering", beklagt sich Tobben.Schlimmer noch: Er fürchtet, daß die Menge noch weiter eingeschränkt werden wird, weil die Automatenhersteller keine 50-Cent-Münzen an ihren Automaten annehmen werden.Der Grund: Sie sind nach dem heutigen Stand der Planung in Größe und Gewicht kaum von den 20-Cent-Stücken zu unterscheiden.Findige Kleinbetrüger werden sich den fehlenden Unterschied schnell zunutze machen.Für Automatenhersteller und -betreiber bedeutet das wirtschaftlichen Schaden.Und das in einer Zeit, in der es der Branche ohnehin nicht mehr blendend geht.Der Herstellerumsatz mit Automaten sank 1997 um rund acht Prozent auf 750 Mill.DM, der Absatz brach sogar um 18,4 Prozent auf 75 861 Stück ein.Die Aufstellereinnahmen gingen nur leicht auf 5,87 Mrd.DM zurück.

Die Berliner Senatsverkehrsverwaltung muß rund 1800 Parkautomaten und -uhren auf die europäische Einheitswährung umstellen."Das wird ein teures Unterfangen", soviel steht für Karl-Heinz Winter, Referent bei der Senatsverkehrsverwaltung, schon jetzt fest.Kosten und technische Details werden erst im Laufe des kommenden Jahres festgelegt.Schon etwas weiter ist die BVG mit den Vorbereitungen.Anders als die Automatenindustrie hofft sie auf den Big Bang bei der Umstellung."Die 700 Automaten können wir rechtzeitig umstellen", meint BVG-Sprecherin Carmen Kirstein.Sie befürchtet eher, daß den Busfahrern das Hantieren mit D-Mark und Euro zur gleichen Zeit schwer fallen wird.

Bei der Deutschen Bahn AG sieht man dem Problem nur zum Teil gelassen entgegen: Man werde bei der Euroumstellung voraussichtlich 10 000 Fahrscheinautomaten betreiben.Davon sind 2000 sogenannte Touch-Screen-Geräte im Online-Betrieb.Dort geht die Umstellung per Knopfdruck.Bei den übrigen 8000 Geräten drohen allerdings "erhebliche logistische Probleme".

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