Wirtschaft : Schluss mit dem Einzelgängerdasein Die Konkurrenten von Bayer haben sich viel früher spezialisiert

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(pet). In der Pharmabranche ist der komplexe Mischkonzern Bayer, der unter seinem Dach neben der Pharmasparte auch Chemie, Kunststoffe und Pflanzenschutz vereinte, immer mehr zum Einzelgänger geworden. Das war in den 90er Jahren noch anders: Neben Bayer versammelten auch Konkurrenten wie die BASF oder die deutsch französische Aventis – hervorgegangen aus der Fusion von Hoechst und Rhône-Poulenc – unter einem Dach verschiedene Geschäftsbereiche. Sie hofften von Synergieeffekten profitieren zu können.

Inzwischen haben sich die meisten Konzerne von diesem Konglomerats-Konzept verabschiedet. Die erhofften Synergieeffekte haben sich nicht realisiert. Die Märkte bestraften überdies die unübersichtlichen Strukturen regelmäßig mit einem so genannten Konglomeratsabschlag bei den Kursen ab – allein bei Bayer sollen es nach Angaben von Marktexperten rund 15 Prozent gewesen sein. Grund für diesen Abschlag ist unter anderem, dass Investoren immer ein Gesamtpaket kaufen müssen, nie den Titel einer einzelnen Branche wie Chemie oder Pharma. Das macht die Beurteilung der Aktie schwieriger, da die einzelnen Geschäftseinheiten unterschiedlichen Zyklen unterliegen.

Die meisten Mischkonzerne haben früh die Konsequenz gezogen und sich auf das konzentriert, was sie am besten können. Bereits Anfang der 90er Jahre hatte der deutsche Hoechst-Konzern seine Chemie-Sparte (heute Celanese) abgestoßen und war daraufhin mit dem französischen Unternehmen Rhône-Poulenc zum Pharma- und Agrochemiekonzern Aventis fusioniert. Aventis, das ursprünglich das Konzept eines Life-Science-Unternehmens (Mensch, Pflanze, Tier) verfolgte, hat sich inzwischen weiter spezialisiert und die Pflanzenschutzsparte an Bayer verkauft. Auch der Chemiekonzern BASF trennte sich vor zwei Jahren von seiner Pharmatochter Knoll, die er an den US-Konzern Abbott verkaufte.

Nur Bayer hielt dem Druck der Investoren stand – und wies jede Forderung nach Aufspaltung und Spezialisierung stets zurück. Die Begründung des Vorstands: Mit einer möglichst breiten Aufstellung des Konzerns könnten zyklische Schwankungen in den einzelnen Bereichen leichter aufgefangen werden. Dafür war das Unternehmen lange bereit, den Abschlag an den Börsen in Kauf zu nehmen.

Doch diesen Kurs, den der langjährige Bayer-Chef Manfred Schneider eingeschlagen und sein Nachfolger Werner Wenning zunächst beibehalten hatte, kann das Unternehmen nicht länger durchhalten. Der Skandal um den zurückgezogenen Cholesterinsenker Lipobay im Sommer 2002, die allgemeine Konjunkturschwäche, die vor allem die Chemie- und Kunststoffsparte schwächt, und der insgesamt durch auslaufende Patente stärker unter Druck geratende Pharmamarkt, haben den Bayer-Konzern zum Umdenken gezwungen.

Als Folge des Lipobay-Skandals sackte nicht nur der Aktienkurs ab, dem Unternehmen entgingen auch hohe Erträge. Zudem kämpft Bayer noch immer mit Schadenersatzansprüchen in den USA. Bislang zahlte der Konzern rund 500 Millionen Euro für Vergleiche mit Geschädigten, weitere 11 000 Klagen sind anhängig.

Den Grundstein für den Umbau legte der Konzern im Herbst 2001, als Bayer für 7,25 Milliarden Euro die Pflanzenschutzsparte Crop Science von Aventis kaufte. Crop Science wurde auch als erste Geschäftseinheit in die operative Eigenständigkeit entlassen. Die Arbeitsgebiete Gesundheit (Healthcare) – in der Bayer neben Pharma, Diagnostika auch Tiergesundheit zusammenfasst –, Kunststoffe (Polymere) und Chemie (Chemicals) folgten wenig später.

Doch der Versuch, einen Partner für die schwächelnde Pharmasparte zu finden, schlug fehl. Zumal Bayer lange Zeit darauf beharrte, bei einer möglichen Kooperation auch weiterhin den Ton anzugeben. Eigentlich wollte Konzernchef Wenning bereits Ende 2002 einen Namen präsentieren, doch daraus wurde nichts. Als Pharmaunternehmen ist Bayer, das noch vor 20 Jahren zusammen mit Hoechst zur internationalen Elite zählte, inzwischen in die Bedeutungslosigkeit gerutscht.

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