Wirtschaft : Schluss mit dem Verkauf

Hertie Neukölln öffnet an Heiligabend zum letzten Mal – eine Geschichte über die Krise des Warenhauses

Nils-Viktor Sorge

Berlin - Beine sind für 20 Euro zu haben, ein Torso samt Kopf kostet 40 Euro. „Im Vergleich zum Neupreis einer Schaufensterpuppe sind das Schnäppchen“, sagt Hertie-Verkäufer Horst Voigt. Die alten Puppen sind ein Renner im diesjährigen Weihnachtsverkauf. Alles muss raus – nach 105 Jahren schließt das Warenhaus in der Neuköllner Karl-Marx-Straße am Heiligabend um 14 Uhr für immer.

Von Adventsstimmung ist daher nichts zu spüren – keine Musik, kein Lametta, kein Weihnachtsbaum. Stattdessen leere Vitrinen, in denen einmal Uhren lagen, Grabbeltische mit Unterwäsche und dazwischen Ständer mit kurzärmligen Hawaiihemden. Vor allem aber beklemmend viel freie Fläche. „Weihnachtliche Atmosphäre würde alles nur noch schlimmer machen“, sagt Voigt. Er ist seit 25 Jahren bei Hertie, seit vier Jahren Chef des Betriebsrats und ab Januar arbeitslos.

„Nicht mehr rentabel“, urteilte die Muttergesellschaft Karstadt-Quelle über Hertie. Im Sanierungskonzept des Konzerns, der 74 kleinere Karstadt-Filialen und über 300 Fachgeschäfte verkauft hat, war für ein Haus wie Hertie kein Platz. Ein Haus, das sich zuletzt als Schnäppchenmarkt versucht hatte, um im hart umkämpften Einzelhandelsgeschäft mitzuhalten. „Am Ende hatten wir nur noch 20 Prozent des Umsatzes, den wir 1989 machten“, sagt Geschäftsführer Horst Weiß. Nun verlieren die letzten 92 von einst 1200 Mitarbeitern ihren Job und die Neuköllner ein Kaufhaus, in dem früher der Bürgermeister zum Seniorentreff mit Quetschkommode lud.

Ein typischer Fall für die KarlMarx-Straße, wenn auch der bislang bitterste: Seit Jahren verlassen alteingesessene Geschäfte die Gegend – Antiquariate, Elektrofachgeschäfte, Cafés. Die Räume übernehmen dann Handyshops und Billigläden. In den Seitenstraßen stehen viele Geschäfte sogar leer. „Neukölln hat nach der Wende besonders viel Kaufkraft verloren“, sagt Tanja Prillwitz, bei der IHK Berlin zuständig für Stadtentwicklung und Infrastruktur. Das Hertie- Kaufhaus habe früher viele Menschen mit bescheidenen, aber sicheren Einkommen angelockt. Als deren Arbeitsplätze in der Industrie wegfielen, erschien ihnen Hertie zu teuer.

Herties Ende kam schleichend. Als eine Rolltreppe kaputtging, wurde sie nicht repariert, sondern zugemauert. Genauso erging es der Frischfisch-Abteilung unten im Schlemmerparadies, als die Kunden nach und nach ausblieben. Im Sommer entschied sich das Management endgültig, das Haus zu schließen. Was dann mit ihm passiert, ist noch nicht entschieden. Erst mal stehen mehrere Etagen leer, danach kommt vielleicht ein Möbeldiscounter.

Herties Schicksal, das ist nicht nur ein Neuköllner Problem, sondern ein deutschlandweites. Das klassische Warenhaus leidet besonders unter der Konsumflaute. Immer größer wurde die Konkurrenz der Fachmärkte mit Niedrigstpreisen, eben Ketten wie Saturn und H & M. Gleichzeitig entstanden auf der grünen Wiese gigantische Shoppingcenter. Sie sind bequem mit dem Auto zu erreichen und warten mit einem Geschäfte-Mix auf, der die Vielfalt einer ganzen Einkaufsstraße abbildet. Allein in Berlin und Umgebung sind nach der Wende 34 solcher Center entstanden.

Gegen die konnte Hertie auch mit seiner langen Tradition nichts ausrichten. Die jüdischen Kaufleute Hermann Joseph und Sally Rehfisch hatten das Haus 1900 eröffnet, als „Mode-Waaren-Haus, en gros - en detail, H. Joseph & Co“. Der Namensgeber persönlich begrüßte die Kundschaft am Eingang. 1936 „arisierten“ die Nationalsozialisten das Haus, Hermann Joseph wanderte aus. Nach der Rückgabe des Geschäfts an die Eigentümer kaufte Hertie das Joseph-Haus und eröffnete 1952 das heutige Kaufhaus. 1994 wurde Hertie dann von Karstadt übernommen.

Die Krise der klassischen Kaufhäuser vergleicht Elmar Kulke, Professor für Wirtschaftsgeographie an der HumboldtUniversität, mit dem Sterben der TanteEmma-Läden. Seit 15 Jahren stünden die Kaufhäuser unter ähnlichem Druck. „Die Leute kaufen nicht mehr unbedingt in ihrem Stadtteil. Sie akzeptieren längere Wege, um ein günstigeres Angebot zu finden“, sagt Kulke. Die Warenhauskonzerne Karstadt und Kaufhof haben darauf reagiert. Wo es gar nicht mehr ging, wurden Filialen geschlossen. Die übrigen Häuser stellen sich dem Billig-Trend entgegen und setzen auf Luxus-Boutiquen unter ihrem Dach. „Das ist nur konsequent“, sagt Kulke. Heute müsse die Ware entweder billig sein oder aber dem Käufer Prestige bringen.

Hertie-Weinberater Helmut Sembritzki hat im Untergeschoss für ein paar Kunden gerade eine der letzten Flaschen Fürst Metternich geköpft, Betriebsrat Voigt stellt sich eine Weile dazu. Vor ein paar Wochen war hier Abschieds-Bordeauxprobe, und der Weinstammtisch tagte zum letzten Mal. „In all den Jahren sind wir Freunde geworden“, sagt Sembritzki. Das nächste Mal wollen sie sich in der Wohnung eines Kunden treffen.

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