Schmuggel : Auf den Pfaden der Bergziege

Die osteuropäische Zigarettenmarke "Jin Ling" überschwemmt den deutschen Schwarzmarkt. Die Fahnder stehen vor einer schwierigen Aufgabe.

Kevin Hoffmann
Jin Ling Foto: dpa
Beschlagnahmt: Die osteuropäische Zigarettenmarke "Jin Ling" überschwemmt den deutschen Schwarzmarkt. Die Fahnder stehen vor einer...Foto: dpa

Die Zigarette mit dem Ziegenbock ist das perfekte Produkt der Globalisierung: Eine Frau Tchoudakova aus Moskau hält die Rechte an der chinesischen Marke Jin Ling und produziert Zigaretten legal in Moldavien, der Ukraine und der russischen Exklave Kaliningrad. In den drei Fabriken werden die Kippen in blassgelbe Schachteln gestopft, die mit dem Zusatz „USA Blend“ bedruckt sind – wie viele Marken im Westen. Per Lkw, Schiff und sogar auf dem Fahrrad gelangt die Ware illegal in den Westen, ins Steuergebiet der EU. In manchen Regionen Deutschlands entwickelte sich Jin Ling innerhalb von zwei Jahren zur wohl meistgerauchten Zigarette – obwohl man sie in keinem Tabakgeschäft kaufen kann.

„Es ist immer wieder erstaunlich, dass das alles ganz ohne Werbung funktioniert“, sagt der Bielefelder Oberstaatsanwalt Gerald Rübsam. Der 50-Jährige befasst sich seit den 90er Jahren mit dem Phänomen Zigarettenschmuggel und zählt zusammen mit einem Team um den Zollamtsrat Michael Deters zu den profiliertesten Ermittlern gegen die Zigarettenmafia. Von 2000 bis 2003 zum Beispiel ermittelten sie gegen eine Schmugglerbande, in der Polen, Litauer, aber auch deutsche Staatsbürger mitmischten. Im Zuge dessen wurden etwa 90 Personen festgenommen und am Ende zu Freiheitsstrafen von insgesamt mehr als 200 Jahren verurteilt. Seit 2006 ermitteln sie vor allem gegen eine Mafiagruppe aus Nordost-Polen. Gegen Jin-Ling-Schmuggler.

„Den Sumpf trockenzulegen wird uns wohl nie gelingen, solange man mit Zigaretten solche Margen erzielen kann“, sagt Rübsam. Bei Jin Ling beträgt sie 1000 Prozent: Rund zwei Euro kostet eine Stange (zehn Schachteln) im Einkauf. Für 18 bis 20 Euro pro Stange oder zwei Euro pro Schachtel verkaufen Händler sie an Kunden in Deutschland. Britische Kunden zahlen mehr, da legale Zigaretten dort noch teurer sind.

Auf dem Weg, den die Bergziege durch Europa zurücklegt, verdienen klassischerweise neun Ebenen mit: Am meisten der Kopf einer Bande, der aber selten direkt am Handel beteiligt ist. Dazwischen liegen Organisatoren, Vermittler, Fahrer und Transportbegleiter in allen Herkunfts- und Zielländern. Am wenigsten verdienen die Straßenhändler.

Ein deutscher Lkw-Fahrer der mehrere Kisten Zigaretten unter einer Tarnladung transportiert, erhält etwa 1000 Euro. Russen, Polen und Letten lassen sich mit 500 abspeisen – wenig Geld, wenn man bedenkt, dass empfindliche Strafen drohen, wenn man von der Zollfahndung erwischt wird. Ein Pole, der im Juli 2007 in Nordrhein-Westfalen festgenommen worden war, erhielt jetzt eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Er hatte 6923 Stangen geschmuggelt und haftet privat für einen Steuerschaden von 325 000 Euro.

Durch den Abschnitt des Bielefelder Zollamtsrats Deters führt die „Warschauer Allee“, wie die Autobahn A2 von Zöllnern genannt wird. Die Fernstraße kommt, teilweise unter anderer Bezeichnung, tief aus dem Osten, führt über die polnische Hauptstadt, südlich an Berlin vorbei, bis in den Ruhrpott nach Dortmund, Recklinghausen und Bottrop. Hunderttausende Fahrzeuge donnern täglich über die A2. „Da muss man sich schon sehr genau überlegen, welches Fahrzeug wir genau durchsuchen“, sagt Deters. „Denn wenn wir uns irren, stehen wir immer mit einem Bein in der Regresspflicht.“ Bei einer gründlichen Untersuchung kann schließlich auch legale Ware beschädigt werden.

Schmuggler versteckten die Zigaretten schon hinter Glaswolle, unter Südfrüchten, leeren DVD-Hüllen, ausgehöhlten Holzpaletten, Elektroschaltkästen oder schwedischen Möbeln. Oft benutzen sie Kühl-Lkw, da diese zum einen nur eine Tür am Heck haben, die eine Durchsuchung besonders aufwendig macht. Zudem sind Kühl-Laster schlicht noch variabler einsetzbar: Hin mit der Bergziege, zurück mit Tiefkühlfisch. Sauber und gut in Schuss sind die Laster meist auch, jeder ukrainische Schrott-Lkw wäre zu auffällig. In Deutschland lassen Schmuggler die Ware in Lagerhäusern von großen Lkw auf kleine Transporter mit deutschen Kennzeichen umladen. Wie soll man die erkennen? „Es wäre wie ein Stochern im Heuhaufen, wenn wir nicht manchmal einen Tipp bekommen würden“, sagt Ermittler Deters. Diese Tipps liefern die Schmuggler meist selbst – über ihre eigenen Handys.

Zum Jahresbeginn hat die Große Koalition den Paragraphen 100a der Strafprozessordnung erweitert, seitdem dürfen Ermittler bei begründetem Verdacht auf gewerbsmäßige Steuerhinterziehung und Schmuggel die Gespräche abhören. Davon machen sie auch reichlich Gebrauch. Die Schmuggler wissen das und behelfen sich zum einen dadurch, dass sie gleich mehrere SIM-Karten und Handys mit sich führen, die sie oft austauschen. Und sie codieren ihre Sprache: „Zicklein abliefern“ (das ist noch leicht zu entschlüsseln) steht für: Jin Ling.

„Allerdings versprechen die sich auch manchmal oder reden vor lauter Geheimnistuerei aneinander vorbei. Irgendwann gibt einer entnervt auf und redet Klartext“, erklärt Oberstaatsanwalt Rübsam. Die Zollfahndung holt sich regelmäßig professionelle Übersetzer ins Haus, teils auch Studenten, die Gespräche übersetzen. Das alles kostet Zeit und Geld. Außerdem muss jeder Bürger, dessen Nummer zu Recht oder Unrecht erfasst wurde, laut Gesetz schriftlich informiert werden. „Ein riesen Aufwand. Die Telefonüberwachung ist für uns Segen und Fluch zugleich“, meint Rübsam.

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