Schneegewinner : Die Auftragslawine rollt

Nicht die ganze Wirtschaft leidet unter dem heftigen Schneefall. Viele Branchen profitieren – und manche leben sogar allein von der Kälte

BerlinDie Temperaturen fallen, die Schneedecke steigt. Was viele Menschen angesichts der permanenten Diskussion über die Folgen der Klimaerwärmung schon gar nicht mehr für möglich gehalten haben, passiert jetzt doch: Deutschland versinkt im Schneechaos. Eis verwandelt die Straßen in Rutschbahnen, Züge fahren nicht, Schulen bleiben geschlossen, Flugzeuge auf dem Boden, das Streusalz wird knapp.

Doch nicht allen Unternehmern in Deutschland ist der heftige Winter ein Ärgernis. Einige machen sogar derzeit richtig gute Geschäfte – nicht trotz, sondern gerade wegen der frostigen Temperaturen und der verstopften Straßen.

So auch der Handelsverband Berlin-Brandenburg, der sich über den Wetterbericht für dieses Wochenende sogar freut. Durchschnittlich zehn bis 20 Zentimeter Neuschnee hat der Deutsche Wetterdienst für diesen Samstag vorhergesagt. Vereinzelt könnte das Wintertief „Daisy“ aber sogar Schneewehen von mehr als 50 Zentimeter Höhe mit sich bringen. Und am Sonntag soll es dann noch einmal schneien.

„Das ist genau das, was wir uns wünschen“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, Günter Päts. Denn wenn das Thermometer Minusgrade zeigt, brauchen die Menschen warme Wintersachen und stürmen die Bekleidungsgeschäfte, lautet seine Überlegung. Folglich geht der Verband davon aus, dass sich Wollmützen, warme Fleecepullis und dicke Winterjacken auch an diesem Wochenende weiter bestens verkaufen.

Voraussetzung dafür ist nur, dass die Verkäufer trotz Schneewehen, S-Bahn-Chaos und Temperaturschock den Weg zu ihrem Arbeitsplatz überhaupt finden. Wollen sie Ärger vermeiden, sollten sie sich allerdings bemühen. Denn Chefs müssen das Winterwetter nicht als Entschuldigung dafür akzeptieren, dass ihr Personal zu spät zur Arbeit erscheint, sagen Arbeitsrechtler. Im Gegenteil: Mitarbeitern, die nicht pünktlich mit der Arbeit beginnen, kann der Chef den Lohn kürzen oder er kann sie nacharbeiten lassen. Tsp


TANKSTELLEN Weniger Autofahrer kaufen mehr Vor allem Diesel-Autofahrer könnten meinen, dass sich Tankstellen gerade eine goldene Nase verdienen: Der Preis für einen Liter stieg innerhalb von nur vier Tagen im Bundesschnitt auf 1,178 Euro, wie der ADAC am Freitag errechnete. Grund sei die gestiegene Nachfrage beim Heizöl. Tankstellen-Marktführer BP (betreibt auch Aral) teilte mit, dass der Januar eher ein schwacher Monat sei. In der aktuellen Kältewelle laufe aber das Geschäft mit höherwertigen Kraftstoffen gut. Auch habe man in dieser ersten Januarwoche 70 bis 80 Prozent mehr an Frostschutzmitteln verkauft als Anfang 2009. kph

STREUSALZ Der Nachschub wird knapp Seit zwei Wochen wird in den drei Salzwerken der K+S-Tochter Esco im Drei-Schichtbetrieb gearbeitet. Nonstop. Das Geschäft brummt, heißt es. Mehrere zehntausend Tonnen Auftausalz werden täglich abgebaut. Trotzdem kommt K+S – mit einer jährlichen Fördermenge von 4,5 Millionen Tonnen Abtausalz nach eigenen Angaben Marktführer – mit der Lieferung kaum hinterher. „In den letzten Wochen sind so viele Aufträge eingegangen wie sonst in Monaten“, sagt ein Sprecher und gibt zu: „Derzeit können wir nicht alle Kunden beliefern wie gewohnt.“ Priorität genießen deshalb die Autobahndienste und die Streudienste der Bundesstraßen. Kommunen, Städte und der Einzelhandel müssen warten. Mancherorts sind die Regale schon leer, oder es wird importiertes Streusalz verkauft. „Wir arbeiten weiter auf Hochtouren“, sagt K+S. mho

TAXIS Drinnen ist es kuschelig warm „Schlechtes Wetter war schon immer gut für unser Geschäft“, sagt Detlev Freutel, Vorsitzender des Taxiverbandes Berlin. „Die Leute freuen sich auf die kuschlig warme Taxe.“ Viele Leute lassen bei der Witterung das Auto stehen, „auch das S-Bahn-Chaos ist uns eine Hilfe“, sagt Freutel. Bereits im Dezember seien die Geschäfte gut gelaufen. „Wenn das Wetter so bitter bleibt, wird das auch so bleiben.“ vis

MODEHÄUSER Strickpullover sind der Renner Einige Textil- und Sporthändler haben wegen der Kälte bereits Ware nachbestellt. Bei H&M verkaufen sich derzeit Strickpullover und -jacken, sowie Mützen und Handschuhe für Kinder besonders gut. „Bei uns kommen Wetter und Rabatte zusammen“, sagt eine Sprecherin. Fürs Wochenende erwartet sie einen sehr guten Verkauf. „Es darf aber nicht zu viel schneien, sonst bleiben die Leute zu Hause.“ jmi

SCHLITTENBAUER Wartezeiten von bis zu zwei Wochen „Es läuft stürmisch und chaotisch, so wie das Wetter“, sagt Michael Ress, Geschäftführer des Schlittenherstellers Ress-Kutschen im unterfränkischen Schwebheim. Wegen des Schneefalls in den vergangenen Wochen sind bei den Schlittenherstellern in Deutschland die Lager leergekauft. „Wir produzieren mit 100 Schlitten pro Tag so viel wie wir können“, sagt Ress. „Wenn ich 10 000 Schlitten hätte, wären die innerhalb von drei Tagen weg“. Beim Produzenten KHW Kunststoff- und Holzverarbeitungswerk im thüringischen Geschwenda sieht es ähnlich aus. Auf die Kunststoffschlitten des Herstellers müssen Kunden mitunter bis zu zwei Wochen warten. Seit Januar gehen beim Hersteller täglich 400 Anfragen ein, normalerweise sind es um die 20. „Sobald Schneeflocken in der Luft sind, wollen alle einen Schlitten“, sagt Geschäftsführer Dieter Fischer. „Den derzeitigen Ansturm können wir kaum bedienen.“ Das liege auch daran, dass durch die Krise keine großen Bestände angelegt worden seien. Derzeit werden bei KHW zusätzliche Schichten am Abend und am Wochenende eingelegt. Auch für das kommende Wochenende rechnen die Schlittenhersteller wieder mit vielen Bestellungen. jmi

BRENNSTOFF Händler kassieren Not-Aufschlag Heizölhändler haben gerade alle Hände voll zu tun – und lassen sich die Mehrarbeit bezahlen: Der Berliner Händler Heizoel24.de berechnet Kunden, die binnen 24 Stunden Öl brauchen, 80 Euro pro Lieferung extra, da Fahrer Überstunden schieben. Von der Tatsache, dass Öl heute 40 Prozent teurer ist als im März, profitieren Händler kaum, weil auch sie im Großhandel mehr zahlen. Auch beim Versorger Gasag brummt das Geschäft: 90 Millionen Kilowattstunden setzt er normal täglich ab. Mit jedem Minusgrad mehr steigt der Absatz um fünf Millionen Kilowattstunden. kph

FLUGZEUGENTEISER Flüssiges gegen Eisiges Es ist kein leichter Job: In acht Metern Höhe, gehüllt in Nebelschwaden, sitzen die Mitarbeiter von Globeground, wenn sie die 60 Grad heiße Enteiserflüssigkeit über die Maschinen auf den Berliner Flughäfen sprühen. Auch wenn die 40 Spezialisten gut zu tun haben, das ganz große Geld lässt sich damit nicht verdienen. „Mehr Umsatz bedeutet auch mehr Aufwand wie bei jedem Winterdienst“, heißt es bei Globeground. Anders sieht das bei Clariant aus, die in Bayern die Flüssigkeit produzieren: „Die Geschäfte laufen ausgesprochen gut.“ vis

FROSTSCHUTZMITTEL Produktion rund um die Uhr Die Anlagen von Walter Schmidt Chemie im brandenburgischen Vetschau laufen derzeit an sieben Tagen 24 Stunden lang. 35 neue Mitarbeiter wurden zu Beginn des Winters eingestellt. Der Umsatz mit Enteisern und Frostschutzmitteln liege bei rund vier Millionen Euro im Monat – und damit etwa doppelt so hoch wie im Vorjahr, sagt Geschäftsführer Walter Schmidt. Derzeit gebe es keinen Lieferengpass. Noch vier Wochen dürfte die Kälte dauern, dann sind die Rohstofflager leer. Dennoch freut sich Schmidt auf wärmere Tage, denn sein Hauptgeschäft ist Zement. Und da, sagt er „verkaufe ich derzeit null“. vis

SCHNEESCHAUFELN Ein Absatz wie seit Jahren nicht mehr Erst kam der Schnee, dann kam die Bestelllawine. „Momentan gehen jeden Tag drei bis vier Laster raus“, sagt Edgar Heilmann, Chef der Firma Adlus bei Ulm, dem nach eigenen Angaben größten Hersteller von Schneeschiebern in Europa. „In so einem Winter verkaufen wir rund eine Million Stück“, sagt Heilmann. Das sei erheblich mehr als in den Wintern davor – die seien nicht so hart gewesen. Dass jetzt Hochkonjunktur herrscht, liege aber nicht nur am Wetter, sondern auch an den Händlern. „Die haben gedacht, dass es wegen der Klimaerwärmung bald keinen Schnee mehr gibt.“ Jetzt sind ihre Lager leer und sie müssen ordern. mho

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