Wirtschaft : Schneiders Richter kritisieren Banken scharf

Sorglosigkeit und Fahrlässigkeit vorgeworfen / Urteil setzt Schlußpunkt unter größte Immobilienpleite der Republik FRANKFURT (MAIN) (oe/AP/rtr/AFP).Jürgen Schneider ist ein freier Mann - zumindest vorübergehend.Als der reuige Milliardenpleitier am Dienstag seine Verurteilung zu sechs Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe sofort akzeptierte, machte das Landgericht Frankfurt dem 63jährigen schon ein Weihnachtsgeschenk und hob seinen Haftbefehl auf.Jetzt kann er mit seiner Frau Claudia in Kronberg feiern. Abzüglich der zweieinhalb Jahre, die er in Auslieferungs- und Untersuchungshaft saß, dürfte Schneider noch knapp zwei Jahre Gefängnisstrafe verbüßen müssen - aller Voraussicht nach im offenen Vollzug.Nach nur sechs Monaten Prozeß setzte das Gericht damit einen Schlußpunkt unter die größte Immobilienpleite der Bundesrepublik.Zugleich las der Vorsitzende Richter Heinrich Gehrke den Banken die Leviten: Ihre Sorglosigkeit, Fahrlässigkeit und in Einzelfällen sogar Dummheit habe Schneider seinen immensen Betrug erleichtert, ihn mitunter geradezu provoziert.Schneiders ehemaliger Bauzeichner Heinrich Küpferle wurde wegen Beihilfe zum Betrug zu neun Monaten Bewährungshaft verurteilt.Außerdem muß er eine Geldstrafe von 1500 DM zahlen. Der Richter hatte in der mündlichen Begründung seines Urteils scharfe Worte für die Kreditbanken gefunden, die sich vom einstigen Frankfurter "Baulöwen" blenden ließen.Dem Angeklagten billigte Gehrke dagegen echte Einsicht in "strafwürdiges Fehlverhalten" zu.Dennoch sei das Verhalten Schneiders immer noch kriminell gewesen.Er sei zwar kein raffinierter Großbetrüger, sondern ein "durch und durch schlichter Mann".Anerkennung sei ihm wichtig gewesen, was bei dem strengen Vater durchaus verständlich sei.Es sei erstaunlich, daß Schneider sich erst mit 47 Jahren von dem Vater emanzipiert habe.Mit seinem eigenen Baugeschäft habe er dem Vater beweisen wollen, daß er es allein konnte.Daher habe er, aus seinem Verständnis heraus, auch nicht aussteigen können, als schon Mitte der achtziger Jahre absehbar war, daß nicht alle Pläne aufgingen."Wenn er das getan hätte, wäre er sauber und straflos geblieben, aber auch ein gescheiterter Unternehmer gewesen." Daher habe er das "Imperium der Hoffnungswerte", wie die Staatsanwaltschaft Schneiders diverse Bauvorhaben nannte, erweitert.Dies sei aber immer mehr zu einem "Imperium der Hoffnungslosigkeit" geworden.Der Zusammenbruch sei daher unvermeidbar gewesen, meinte der Richter. Ausführlich ging Gehrke auf die fünf Fälle ein, die in den 40 Verhandlungstagen zur Debatte gestanden hatten.Immer wieder hob er dabei hervor, wie leichtsinnig die Mitarbeiter der Banken den Angaben Schneiders geglaubt hatten.So habe beispielsweise die Deutsche Bau- und Bodenbank zwar erfahren, daß die Firma, an die Schneider angeblich über 29 Mill.DM "zur Ablösung von Forderungen von Mitbewerbern um das Gebäude am Zentralmeßpatz in Leipzig" gezahlt hatte, nur eine Scheinfirma mit einem Grundkapital von 3 Dollar gewesen ist - "passiert ist aber dadurch nichts".Auch die Deutsche Bank habe im Fall der Frankfurter Einkaufspassage Zeil-Galerie "beinahe sträflich nachlässig" gehandelt.Sie sei allerdings auch besonders schwer betrogen worden.So habe Schneider für die Erlangung des 415-Millionen-Kredits Unterlagen vorgelegt, die von seinem Bauzeichner Küpferle geschickt gefälscht worden waren.Als Bedenken bei der Bank über die Angaben aufkamen, präsentierte Schneider zusätzlich Mietverträge, die ebenfalls in seinem Büro entstanden waren und später nie wieder auftauchten. Immerhin habe die Deutsche Bank, anders als einige andere Institute, im Prozeßverlauf Fehler eingeräumt und auch personelle Konsequenzen gezogen - "allerdings nicht bis hinauf in den Vorstand", wie Gehrke anmerkte.Die Dresdner Bank dagegen habe "Warnsignale wie Scheunentore" mißachtet.Das ehemalige Vorstandsmitglied der Bank, Hans-Günter Adenauer, sei als Zeuge nur knapp an einem Verfahren wegen Falschaussage vorbeigeschlittert.Aus Gründen der Prozeßökonomie hatte sich das Gericht auf die Behandlung von fünf Fällen beschränkt.So konnte das Verfahren nach nur sechsmonatiger Dauer "in einer fairen und konstruktiven Weise" beendet werden. Die Deutsche Bank lehnte am Dienstag zunächst jede Stellungnahme zur Verurteilung des Immobilienunternehmers Jürgen Schneider ab."Wir nehmen dazu keine Stellung", erklärte ein Sprecher des Instituts in Frankfurt auf Anfrage.Die Deutsche-Bank-Gruppe hatte Schneider als dessen größter Kreditgeber zeitweise bis zu 1,5 Mrd.DM zur Verfügung gestellt.

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