Wirtschaft : Schnitzeljagd und Wettbügeln

Das Berliner Gastgewerbe wirbt mit einer „langen Nacht“ um Auszubildende.

Anna-Sophie Sieben
Mitmachen erlaubt. Viele Küchen waren am vergangenen Donnerstagabend für interessierte Jugendliche geöffnet. Foto: dpa
Mitmachen erlaubt. Viele Küchen waren am vergangenen Donnerstagabend für interessierte Jugendliche geöffnet. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Die Fernbedienung mit Berührungsbildschirm im Nachtschrank der Executive Suite im Ritz Carlton hat es Felix Schnur angetan. Vorhang auf, Vorhang zu. Licht aus, Licht an. Auch sein Vater Christian, ein Ingenieur, erfreut sich an der technischen Spielerei. Dann geht es weiter in die exklusive Club Lounge im zehnten Stock des Luxushotels. Die Augen des 18-jährigen Felix werden immer größer, sein Vater nickt anerkennend. Auch die beiden 16-jährigen Schülerinnen Zora und Yasmin schauen sich neugierig um. Sie wollen Köchinnnen werden und ein Restaurant eröffnen.

Die drei Jugendlichen nehmen an der langen Nacht der Aus- und Weiterbildung teil, einer Initiative des Berliner Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga Berlin). 48 gastronomische Betriebe, darunter viele Hotels, präsentierten sich am vergangenen Donnerstagabend sechs Stunden lang jungen, ausbildungswilligen Menschen, um sie für die Branche zu gewinnen. Denn dem Berliner Gastgewerbe fehlt zunehmend der Nachwuchs.

Alle Betriebe hatten sich ein besonderes Programm zum Anfassen und Mitmachen einfallen lassen: von Schnitzeljadgen durch die Hotelflure über Wettkämpfe im Bügeln und Bettenmachen bis hin zum Cocktailmixen und Sushirollen. Im Neuköllner Estrel Hotel, von dem aus Shuttlebusse die Teilnehmer quer durch die Stadt fuhren, konnten Teilnehmer mit Segways durch die Konferenzräume düsen. Die Kochazubis bewirteten die Gäste und erklärten ihnen, wie man Obst und Gemüse richtig schneidet. „Wir wollen zeigen, was für tolle Berufe es im Gastgewerbe gibt“, sagt Gerrit Buchhorn, Ausbildungsbeauftragter des Dehoga Berlin und Organisator des Abends. „Auch wenn die Einstiegsgehälter recht niedrig und die Arbeitszeiten lang sind, die Branche bietet gute Aufstiegschancen.“ Außerdem werde es nie langweilig.

Das Estrel war auch der Startpunkt für Felix Schnur, danach ging es weiter zum Ritz Carlton am Potsdamer Platz. Felix, der gerade die Schule abgeschlossen hat, möchte nun eine Ausbildung zum Hotelfachmann machen – am liebsten in einem Luxushotel. „Wenn ich hier etwas bekommen würde, dann würde ich das sicher nicht abschlagen“, sagt er und schaut sich ein wenig ehrfürchtig im Restaurant des Ritz um. „Aber ich würde mich auch mit einer Klasse darunter zufriedengeben.“

Der junge Mann und sein Vater ziehen weiter ins Grand Hyatt am Marlene-Dietrich-Platz. Im Ballsaal veranstaltet das Hotel eine kleine Olympiade. Dem Gewinner winkt eine Übernachtung mit Frühstück. Eine schöne Vorstellung, findet Felix, und macht mit: Souverän schlängelt er sich mit einem vollen Tablett durch einen Hindernisparcours, dann geht es ans Kissenbeziehen, zum Schluss muss er Kräuter, Gewürze und Öle erschmecken. Zwischendurch unterhält er sich mit Auszubildenden und stellt viele Fragen.

Viele junge Leute wie Felix träumen von einer Ausbildung in einem Nobelhotel, über Nachwuchsprobleme klagen die Vier- und Fünf-Sterne-Häuser nicht. Einen Nutzen zögen sie natürlich trotzdem aus der Veranstaltung, sagt Benjamin Langer, stellvertretender Restaurantleiter des Ritz. „Wenn nur einer mit viel Talent durch diesen Abend zu uns kommt, hat sich der Aufwand gelohnt.“ Die Wahl hat das Hotel allemal – rund 120 junge Besucher kamen.

Für die weniger exklusiven Hotels und Gastronomen war der Abend alles andere als ein Erfolg, obwohl es hier beste Chancen auf einen Ausbildungsvertrag gegeben hätte. „Bei mir ist der Nachwuchsmangel definitiv angekommen“, sagt Cornelia Hoffmann, Geschäftsführerin vom Golden Tulip Hotel Park Consul in Moabit. „Die Zahl der Bewerber ist in den letzten Jahren um drei Viertel zurückgegangen.“ Ab Februar hat die Hotelchefin einen Ausbildungsplatz zu vergeben, seit Oktober sucht sie bereits. Sie hatte gehofft, durch die lange Nacht endlich einen geeigneten Kandidaten zu finden, am Ende kam nur ein einziger Interessent. „Ich bin enttäuscht von dem Abend“, sagt Hoffmann.

Gerrit Buchhorn räumt ein, dass es bei der langen Nacht organisatorische Schwächen gab. „Insgesamt hatten wir aber fast 1000 Teilnehmer, damit sind wir recht zufrieden fürs erste Mal. Daher haben wir entschieden, dass wir im nächsten Jahr weitermachen werden.“

Für Felix Schnur hat sich die lange Nacht gelohnt. Er ist jetzt ganz sicher, dass er in einem Hotel arbeiten möchte. Im Estrel hat er noch am Abend seine Bewerbung abgegeben.

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