Wirtschaft : Schnüffeln nach dem Aufschwung

Neue Spuren zeigen: Der Wirtschaft geht es besser als angenommen

Carsten Brönstrup

Die Überraschung kam in 214 dünnen Worten daher: Neun von zehn Einzelhändler seien bislang mit dem Winterschlussverkauf zufrieden, erklärte jüngst der Einzelhandelsverband HDE. Ausgerechnet der HDE. Im Namen von Kaufhäusern und Boutiquen hatten die Handels-Lobbyisten seit Monaten lautstark wegbrechende Umsätze und den Konsumstreik der Deutschen beklagt. Und nun das: Den Januar werde man mit einem leichten Plus abschließen, hieß es. Ist damit das Ende der Wirtschaftskrise erreicht, steht Deutschland endlich am Beginn eines Aufschwungs?

Darauf deutet derzeit einiges hin. Erstmals seit Monaten steigen in Umfragen die Stimmungswerte von Unternehmen und Börsianern wieder an. Ohnehin kommt der Aufschwung auf leisen Sohlen, so dass die Wirtschaftsforscher oft nicht gleich bemerken, dass die Zeiten besser werden. Beispielsweise naschen die Deutschen deutlich ausgiebiger Luxus-Pralinen von Leysieffer. Und sie drehen nicht mehr jeden Euro zweimal um, sondern geben ihn in teuren Fitness-Studios oder in angesagten Cocktail-Bars aus. Auch die Industrie spürt eine Wende zum Besseren: Die Auto-Hersteller sehen bessere Absatzchancen und wollen in diesem Jahr 73 neue Modelle auf den Markt bringen. Und am Frankfurter Flughafen wird wieder mehr Fracht umgeschlagen. Mehr Handel bedeutet zugleich eine regere Wirtschaftstätigkeit. Das merken auch die Journalisten bei den Tageszeitungen – sie benutzen das Wort „Rezession“ deutlich seltener als noch vor einem Jahr. Damit dürfte sich auch die Stimmung ihrer Leser aufhellen. „Wir sind wieder auf einem leichten Aufwärtskurs, die Zeit der Hiobsbotschaften von den Konjunkturforschern ist vorbei“, stellt Jörg Krämer fest, der Chefökonom der Fondsgesellschaft Invesco in Frankfurt (Main).

Das zeigen auch die herkömmlichen Indikatoren, auf die Volkswirte blicken, wenn sie den Lauf der Konjunktur vorherzusagen versuchen. Davon gibt es eine Menge – doch sie müssen mit Bedacht interpretiert werden. Die Zahl der Firmenpleiten oder die Höhe der Arbeitslosigkeit etwa geben zwar Aufschluss über die aktuelle Lage, nicht aber über die Entwicklung in den kommenden Monaten. Deshalb bedeuten zehntausende Insolvenzen oder das Fehlen von derzeit 4,5 Millionen Jobs nicht unbedingt, dass die Lage in den kommenden Wochen so schlecht bleibt.

Hoffnung machen derzeit vor allem Frühindikatoren, die die Zukunft relativ zuverlässig mit einem Vorlauf von bis zu sechs Monaten vorhersagen. Denn sie werden durch Umfragen bei den Leuten ermittelt, die die Konjunktur machen – unter Unternehmern und wichtigen Börsen-Anlegern. Hoffen sie auf bessere Geschäfte, werfen sie ihre Maschinen an, bestellen Rohstoffe und Vorprodukte bei ihren Lieferanten und ordern Aktien. Konkurrenten und Geschäftspartner werden meist von der guten Laune angesteckt – und schon kann der Aufschwung kommen.

Dass die Chancen darauf nicht schlecht stehen, zeigt etwa der Index der Konjunkturerwartungen, den das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim ermittelt. Im Januar verzeichnete er nach einem siebenmonatigen Sturzflug ein dickes Plus. Auch das Geschäftsklima des Münchener Ifo-Instituts verheißt ein Ende der Krise: Sowohl mit der aktuellen Lage als auch mit den Aussichten bis zum Sommer sind die 7000 befragten Manager zufrieden. Das bedeutet, dass das Bruttoinlandsprodukt bald wieder wachsen dürfte – und dass wieder mehr Menschen eine Stelle finden. Verhindern könnte das nur ein Irak-Krieg – oder eine neue Steuerdebatte durch die Bundesregierung. Immerhin hat Berlin Besserung gelobt: 2003 soll das Jahr der Reformen werden, sagt Wirtschaftsminister Wolfgang Clement – nicht das Jahr höherer Abgaben.

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