Wirtschaft : Schöne Bescherung beim Weihnachtsgeld

Wer einen Tarifvertrag hat, kann mit einer Zahlung rechnen – es gibt aber eine Tendenz zu Kürzungen

Alfons Frese

Berlin - Die meisten Beschäftigten können in diesem Jahr mit einem Weihnachtsgeld in Vorjahreshöhe rechnen. Das gilt zumindest für jene Arbeitnehmer, die nach Tarif bezahlt werden und für die es deshalb auch eine Weihnachtsgeldregelung im Tarifvertrag gibt. Wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) des DGB ermittelt hat, bekommen Bankangestellte und Beschäftigte in der Süßwarenindustrie ein komplettes Monatsgehalt als Sonderzahlung zum Fest und stehen damit am besten da. Am anderen Ende der Skala sind die ostdeutschen Bauleute, für die es überhaupt kein Weihnachtsgeld gibt.

Sowohl in der chemischen Industrie als auch im Bankbereich kann die Höhe der Sonderzahlung variieren, und zwar zwischen 125 und 50 Prozent eines Monatseinkommens (Chemie) beziehungsweise 91 und 118 Prozent (Banken). Die genaue Höhe hängt dann schließlich vom Unternehmenserfolg ab. Ein variables Weihnachtsgeld kann sich inzwischen auch die IG Metall vorstellen. Metallerchef Jürgen Peters regte kürzlich einen „tariflichen Korridor“ an; die Betriebsparteien könnten sich dann, je nach Ertragslage der Firma, auf eine bestimmte Größe im Rahmen eines Korridors einigen, den die Tarifparteien vorgeben. Zurzeit liegt die Sonderzahlung für die Metaller bei 55 Prozent (Westen) und 50 Prozent (Osten).

„In der Tendenz gibt es eine wachsende Zahl von Tarifbereichen, in denen das Weihnachtsgeld gekürzt werden kann“, sagt WSI-Tarifexperte Reinhard Bispinck. In der westdeutschen Bauwirtschaft, in Druckereien und dem Gaststätten- und Hotelgewerbe kann zum Beispiel das tarifliche Weihnachtsgeld unter bestimmten Umständen gekürzt werden. Eine Öffnung des Tarifvertrags zum Zwecke der Kürzung respektive Einsparung wünscht sich auch der Einzelhandel, der zum Beispiel in Berlin derzeit darüber verhandelt. Abgesehen davon wird in den wichtigsten Berliner Wirtschaftszweigen nach Angaben des DGB das tarifliche Weihnachtsgeld in diesem Jahr gezahlt. Zum Teil allerdings mit Unterschieden zwischen Ost und West, wie etwa im Einzelhandel: Im Westteil Berlins gibt es 62,5 Prozent, im Ostteil 52,5 Prozent.

Für die Binnennachfrage – und damit eben auch für die Situation im Handel – hat das Weihnachtsgeld in Berlin eine größere Bedeutung als im Bundesgebiet insgesamt, weil in der Hauptstadt die Arbeitnehmer noch weniger in der Tasche haben. Deutschlandweit verdient ein Angestellter derzeit 3767 Euro im Monat, in Berlin sind es nur 3343 Euro. Wie der Berliner DGB-Sprecher Dieter Pienkny erläutert, ist die durchschnittliche Kaufkraft eines Berliners heute auf dem selben Niveau wie 1995. Das Einkommen der Hauptstädter stagniert also.

Abgesehen von der Holz und Kunststoff verarbeitenden Industrie im Westen, die in diesem Jahr 7,5 Prozent weniger Weihnachtsgeld zahlt als 2004, gibt es bei den Tarifen 2005 keine Abschläge. Aber wer wird überhaupt nach Tarif bezahlt und hat also einen Anspruch auf die Sonderzahlung im November? Das sind immer weniger Arbeitnehmer. Im Westen arbeiten gegenwärtig noch rund 72 Prozent aller Beschäftigten im Geltungsbereich eines Tarifvertrags, im Osten sind es nur 40 Prozent. Alle anderen müssen sehen, ob und wie sie ihren Arbeitgeber von der Zahlung eines Weihnachtsgeldes überzeugen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben