Wirtschaft : Schönheit hält nicht ewig – Das zweite Leben nach dem Catwalk

Models gelten schon mit Ende 20 als alt. Ihre im Beruf erworbenen Fähigkeiten können sie aber für Karrieren in vielen Bereichen einbringen – wenn sie sich weitergebildet haben.

Sie ist auf bis zu 30 Zentimeter hohen Plateau-Schuhen über den Laufsteg gestöckelt, hat überzeugend als gefiederte Schönheit in einem überdimensionalen Nest posiert und machte auch einen guten Eindruck, während ihr Kopf in einer Taucherglocke steckte – am Donnerstag wurde Alisar Ailabouni als Siegerin der fünften Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ gekürt. Bei der Sendung sehen Millionen junger Frauen zu. Das Leben der Teilnehmerinnen an den schönsten Orten der Welt weckt bei vielen Zuschauerinnen den Wunsch nach der eigenen Modelkarriere.

Allerdings: Selbst wenn die Aspirantin es schafft, von einer seriösen Agentur in die Kartei aufgenommen zu werden, heißt das nicht, dass ihre Berufsplanung damit beendet wäre. „Wenn die Freunde oft grade erst mit dem Studium fertig sind und zu arbeiten beginnen, neigt sich mit Ende 20 die Karriere des durchschnittlichen Fotomodells bereits dem Ende zu“, sagt Iha von der Schulenburg. Sie reiste zehn Jahre lang als Model durch die Welt, lief für Joop, Armani und Valentino über die Laufstege. Nach einem Studium der Visuellen Kommunikation machte sie sich in ihrer zweiten Karriere als Moderatorin verschiedener Fernsehsendungen einen Namen. „Das ist kein Job bis zur Rente. Bereite deinen Ausstieg früh genug vor, im Grunde genommen von Anfang an. Schauspielklasse, Workshops für Management oder Wirtschaftsthemen: Ergreife jede Möglichkeit, dich weiterzubilden“, rät von der Schulenburg. Sie hat ihr Studium während ihrer Model-Karriere absolviert. „Wenn man bei einer guten Agentur ist, hat die Verständnis, wenn man sagt: ‚Ich kann nächsten Monat nicht für euch arbeiten, ich muss lernen’“, sagt sie.

Einige Modells schaffen es, ihre Popularität in andere Berufsfelder zu transferieren: Kate Moss hat mit der britischen Bekleidungskette Top Shop eine Modekollektion entwickelt, Milla Jovovich und Cameron Diaz haben sich als Schauspielerinnen etabliert. Heidi Klum ist zur globalen Ein-Frau-Marke mit einem Werbe- und Medienimperium geworden. Aber diese Möglichkeiten stehen nur den Topnamen der Branche offen.

Ausgesorgt haben die allerwenigsten Models mit den Honoraren, die sie während ihrer Karriere verdient haben. Als Richtwerte geht die Künstlervermittlung der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit von einem Tagessatz von 800 Euro aus. Das sei aber nur ein grober Orientierungspunkt, betont Mitarbeiterin Cornelia Buchhholz, keinesfalls eine Summe auf die es einen rechtlichen Anspruch gäbe. Newcomer-Models müssen sich manchmal mit Tageshonoraren von 100 Euro begnügen.

„Gut aussehen reicht nicht“, betont Oliver Seeden, der seit 20 Jahren die Agentur PMA in Hamburg leitet. „Der Erfolg hängt zu 40 Prozent vom Look ab, zu 60 Prozent von Disziplin und von der Fähigkeit, sich ständig mit verschiedenen Menschen zu arrangieren.“ Karriere-Management sei wichtig. „Bei Frauen lässt Ende 20 die akute Arbeitsanfrage nach, also müssen sie Mehrwert erzeugen. Das Model muss es so sehen: Ich bin mein eigenes Produkt. Auch ein erfolgreiches Model muss sich weiterentwickeln.“ Seeden rät den Models seiner Agentur daher ebenfalls, neue Betätigungsfelder zu suchen, zum Beispiel Sprach- oder Schauspielunterricht zu nehmen.

Ebenso wenig wie Model ein geregelter Ausbildungsberuf ist, gibt es einen festgelegten Weg, wie Models nach dem Ende ihrer Karriere ihren Lebensunterhalt bestreiten. Gibt man „Model“ in die Suchmaske der Weiterbildungsdatenbank der Stadt Berlin ein, gibt es eine Vielzahl von Vorschlägen: von einer achtwöchigen Weiterbildung zur Nagelmodellistin über einen fünftägigen Visagistenkurs bis hin zu einer zweijährigen Weiterbildung zur Informatikkauffrau.

Eine Möglichkeit besteht darin, die Kontakte, die während der Zeit als Model geknüpft wurden, zu nutzen um in der Branche zu bleiben, zum Beispiel als Visagistin oder Stylistin. Schwieriger wird es, sich als Fotografin oder als eigene Agenturchefin zu etablieren. „Prüfe, ob deine Geschäftsideen eine realistische Chance haben“, rät von der Schulenburg. Eine Bekannte von ihr gründete „Redheads“, eine Agentur nur für rothaarige Models. „Jeder in der Branche weiß, dass gerade Rotschöpfe am wenigsten gebucht werden, und die Firma war schnell wieder verschwunden“, warnt das Exmodel vor zu hohen Erwartungen.

Fern der Modebranche suchte auch Nila Halter eine berufliche Perspektive. Bereits während der Zeit als Model begann sie, für eine zweite Karriere zu lernen. Die 29-Jährige absolvierte an der Europäischen Fernhochschule Hamburg den Studiengang Europäische Betriebswirtschaftslehre. „Da ich für meine Jobs in der ganzen Welt unterwegs bin, kam nur ein Fernstudium in Frage. So konnte ich Vorbereitungszeiten am Set oder Wartezeiten am Flughafen zum Lernen nutzen.“

In jedem Fall kann ein Model während seinen Jahren vor der Kamera viele Fähigkeiten erwerben, die auch in anderen Branchen auf dem Arbeitsmarkt geschätzt werden.„Um das beste Licht zu erwischen, muss man zum Frühaufsteher werden: gegen vier Uhr wecken, um fünf zum Schminken, um sieben vor der Kamera stehen. Frisch und fröhlich strahlend. Disziplin ist eine Lektion, die man später im Leben gut nutzen kann“, sagt von der Schulenburg.

Diese Meinung teils Nila Halter. „Man braucht ein Talent für das Organisieren. Grade am Anfang der Karriere muss man oft selber planen, wie man zu einem Termin hinkommt, inklusive Flüge organisieren.“ Auch müsse man damit umgehen können, oft einsam zu sein. „Wenn deine Familie oder Freunde einen Geburtstag feiern, sitzt du meist in irgendeiner anderen Stadt in deinem Hotelzimmer. Man wird in seiner Persönlichkeit stärker, weil man häufig allein ist und sich immer wieder mit anderen Menschen arrangieren muss“, sagt Haller.

Das Exmodel fand ganz unverhofft seine Nische: Während eines Aufenthalts in England lernte sie das traditionelle Frühstücksgericht „Porridge“ lieben. Zurück in Deutschland beschloss sie, diese gesunde Mahlzeit auf den heimischen Markt zu bringen. Auch den Sprung in die Selbständigkeit als Beraterin gelang, sie betreut nun Kunden im Bereich Marketing und Brandmanagement.

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