Wirtschaft : Schöpferische Zerstörung (Leitartikel)

Rainer Hank

Gestern verkündete die Deutsche Telekom, sie werde ihre Global-One-Anteile an France Telecom abgeben. Heute verhandelt Mannesmann mit Bertelsmann über einen Einstieg bei AOL Europe. Wer wird sich in der nächsten Woche melden? Das Tempo der Zusammenschlüsse beschleunigt sich. Die Superlative überschlagen sich. AOL wird Mehrheitseigner beim Unterhaltungskonzern Time Warner, der unmittelbar darauf die Fusion mit EMI bekannt gibt. Das Volumen der Übernahmen in der ganzen Welt erreichte 1999 den Wert von 1300 Milliarden Dollar.

Vielen macht diese Fusionsmanie Angst. Ist schiere Größe schick geworden? Das mag sein. Doch die Welle der Fusionen ist mehr als eine neue Laune des internationalen Kapitals. Unternehmen können es sich immer weniger leisten, Größenvorteile - Ökonomen nennen es Skaleneffekte - und Verbundvorteile ("Synergien") der globalen Märkte nicht zu nutzen. Die Pharmaindustrie ist ein gutes Beispiel für die neuen Chancen der Größe. Denn die Forschungskosten eines Medikaments sind unterdessen so aufwendig, dass sie sich nur dann lohnen, wenn Aussicht auf Absatz rund um den Erdball besteht. Und auf Synergien setzen alle Fusionen im Umfeld von Telekommunikation, Unterhaltung und Internet.

Nichts scheint unmöglich zu sein, keine Branche macht eine Ausnahme: Bei den Autoproduzenten wird darüber spekuliert, welchen japanischen Hersteller sich der selbst noch im Nachfusionsfieber liegende DaimlerChrysler-Konzern bald einverleibt. Die Finanzwelt wartet darauf, dass der Zusammenschluss zwischen der Dresdner Bank und der Hypovereinsbank bekannt gegeben wird. Und in der Pharmazie haben SmithKline Beecham und Glaxo Wellcome das Karussell gerade erst in Bewegung gebracht. Selbst Anwaltskanzleien, einst Muster der Selbstständigkeit, mutieren zu Rechtsfabriken. Der vorläufige Höhepunkt ist am 7. Februar zu erwarten: Dann entscheidet sich, ob das Experiment der ersten feindlichen Übernahme in Deutschland glückt. Mit einem Wert von 135 Millionen Dollar wäre das ein neuer Rekord.

Internet und Telekommunikation sind die wahren Treiber der Fusionswelle. Das zeigt, wo die neue Dynamik der Wirtschaftswelt ihren Ausgang nahm: bei einer technischen Umwälzung - wie schon einmal vor 150 Jahren am Beginn der industriellen Revolution. Deshalb ist die Sorge unbegründet, letztlich blieben in allen Branchen nur eine Handvoll Mitspieler übrig, die sich den Markt in wenige Oligo-, Duo-, und Monopole aufteilten. Denn die neue Welt des Internet, in der täglich eine Vielzahl von Unternehmen und kleinsten Boutiquen gegründet wird, ist zugleich der beste Beleg dafür, dass die Fusionswelle nur eine Seite der industriellen Revolution ist. Die Zahl der Neuemissionen an den Börsen wächst mindestens so spektakulär wie die Anzahl der Fusionen. Und das Ergebnis der Fusionen führt etwa in der Pharmazie dazu, dass der Anführer gerade einmal 7,3 Prozent Marktanteile für sich erobert hat. Abspaltungen, Neugründungen und Fusionen sind zusammen Ausweis jener schöpferischen Zerstörung, von der der Ökonom Joseph A. Schumpeter sprach. Damit ist gemeint: Alle Dynamik des Wettbewerbs ist in neuen unternehmerischen Ideen begründet.

Dabei gibt es Gewinner und Verlierer. Gewinner sind - neben den Anteilseignern - vor allem die Investmentbanken. Sie verdienen an den Deals. Das macht Appetit auf mehr. Verlierer sind jene Unternehmen, die die Entwicklung verschlafen. In vielen Branchen heißt das: Wer nicht fusioniert, wird vom Markt verschwinden. Ob die Arbeitnehmer zu den Verlierern zählen, ist eine offene Frage: Fusionen bringen Unruhe in die interne Organisation. Das kann ungemütlich werden. Aber sie sichern - wenn sie glücken - langfristig Arbeitsplätze. Das müsste es eigentlich wert sein.

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