Wirtschaft : Schon 2004 gibt es neue Jobs in Deutschland

Ökonomen: Wachstum wird dafür ausreichen/Bessere Aus- und Weiterbildung nötig – vor allem auch für ältere Arbeitnehmer

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Berlin (brö/hop). Beim anstehenden Wirtschaftsaufschwung in Deutschland dürften schneller neue Jobs entstehen als in früheren Wachstumsphasen. Diese Einschätzung äußerten renommierte Wirtschaftsforscher im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Bereits ab einem Prozent Wirtschaftswachstum werden in diesem Jahr neue Arbeitsplätze entstehen“, sagte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Dennoch lastet auf dem Arbeitsmarkt eine schwere Hypothek: In den Unternehmen sind zu wenig ältere Arbeitnehmer beschäftigt, bemängelten mehrere Ökonomen bei der Vorstellung des EUBeschäftigungsreports am Mittwoch in Berlin. „Arbeitslosigkeit von Älteren ist kein Naturgesetz“, sagte Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit.

In den vergangenen Jahren hatte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mindestens zwei Prozent wachsen müssen, bevor in den Unternehmen neue Stellen geschaffen wurden. Einer Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge war dies etwa zwischen 1995 und 2001 der Fall. Ökonomen begründeten dies mit dem unflexiblen Arbeitsmarkt. Wegen der strengen Kündigungsschutzregeln und der hohen Arbeitskosten versuchten die Unternehmen demnach, zusätzliche Aufträge durch mehr Überstunden zu erledigen. In anderen Ländern gelinge es dagegen bereits bei einem wesentlich schwächeren Wachstum, den Arbeitsmarkt anzukurbeln.

Die Arbeitsmarkt-Reformen der Bundesregierung hätten das Bild verändert, begründete Heise seinen Optimismus. „Besonders die Mini-Jobs führen dazu, dass das Wachstum auch zu mehr Beschäftigung führt.“ Deshalb werde es ab dem Sommer neue Stellen geben, und im Jahresdurchschnitt dürften mehr Menschen beschäftigt sein als 2003. Die Arbeitsmarkt-Zahlen für den Januar, die am Donnerstag vorgelegt werden, dürften diesen Trend aber noch nicht widerspiegeln. „Der Tiefpunkt ist erreicht, spürbar wird die Besserung aber erst ab dem zweiten Quartal“, prognostizierte Heise. Die Bundesregierung erwartet in ihrem Jahreswirtschaftsbericht dagegen im Schnitt einen leichten Abbau der Beschäftigung. 2003 arbeiteten rund 38,3 Millionen Menschen hier zu Lande.

Unterstützung findet Heises Sicht auch bei anderen Ökonomen. Günther Schmid, Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), sagte dem Tagesspiegel, er gehe davon aus, dass es ab einem Wachstum von etwa 1,1 bis 1,5 Prozent neue Arbeitsplätze geben dürfte.

Ein großes Problem des deutschen Arbeitsmarkts ist die Integration älterer Beschäftigter. Hier hinke Deutschland im europäischen Vergleich stark hinterher, sagte Georg Fischer, Referatsleiter für Beschäftigungsanalyse der EU-Kommission. Die EU verfolgt das Ziel, die Beschäftigungsquote bei den 55- bis 64-Jährigen bis zum Jahr 2010 auf 50 Prozent zu steigern. Zurzeit liegt die Quote bei lediglich 40 Prozent, in Deutschland nur bei 38 Prozent (siehe Grafik). Ein Grund für die vergleichsweise schlechte Lage hier zu Lande sind Ökonomen zufolge vor allem die Anreize zur Frühverrentung in den 80er und 90er Jahren. Hier habe es zwar schon einige Reformen gegeben, doch bleibe ein Problem bestehen: Die Betriebe bilden ihre „älteren“ Mitarbeiter im Vergleich zu anderen Ländern Europas kaum weiter. Schon bei den Über- 35-Jährigen werde kaum noch etwas für die weitere Qualifizierung getan, stellte die EU fest. Im Fall von Arbeitslosigkeit sinken daher die Chancen, wieder eine Stelle zu finden.

Dringend notwendig ist die Weiterbildung älterer Menschen auch, weil Deutschland die Ausbildung der Jungen ebenfalls vernachlässigt hat. So drohe schon in wenigen Jahren ein Engpass bei qualifizierten Mitarbeitern, weil mehr gut ausgebildete Ältere in Rente gehen als durch Jüngere ersetzt werden könnten, warnte WZB-Direktor Schmid.

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