• Schon am Donnerstag kann die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöhen, zwingende Gründe dafür gibt es nicht

Wirtschaft : Schon am Donnerstag kann die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöhen, zwingende Gründe dafür gibt es nicht

Martina Ohm

Händler und Volkswirte deutscher Geldhäuser sind sich einig: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erhöht. An den Märkten kann man es ablesen: nicht nur Dreimonatsgeld, auch Zehnjährige in Euroland werfen seit geraumer Zeit mehr ab. Auch der Euro legt leicht zu, weil sich die Anleger mehr von ihm versprechen. Theoretisch könnten Europas Notenbanker schon am kommenden Donnerstag die kurzfristigen Geldmarktzinsen verteuern und den Refinanzierungssatz, zu dem sich die Geschäftsbanken bei den Notenbanken Geld leihen können, von zurzeit 2,5 Prozent um 0,25 Prozentpunkte oder mehr erhöhen. Mit ungewöhnlich klaren Worten warnt EZB-Präsident Wim Duisenberg seit Wochen und Monaten in aller Öffentlichkeit vor zunehmenden Inflationsrisiken. Erst am Wochenende gab er erneut die Richtung vor: Es geht wieder aufwärts.

Die neue Offenheit im Frankfurter Eurotower soll dazu dienen, die europäische Geldpolitik für Beobachter - also für Anleger wie Analysten - berechenbarer zu machen. So jedenfalls will es Wim Duisenberg; die Märkte sollen mehr Vertrauen fassen können. Ob das klappt? Zwar hat sich der EZB-Präsident noch nicht auf einen fixen Termin für die vermeintliche Zinserhöhung festlegen lassen. Mit seinen aktuellen Äußerungen zum weiteren Kurs der Notenbank hat er sich jedoch ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt - und seinen Handlungsspielraum so unnötig eingeschränkt. Soll der Markt nicht neu verunsichert werden, muss die EZB notgedrungen schnell handeln. Ein Zurück gibt es nicht.

Tatsächlich kann die jüngste Entwicklung des Geldmengenwachstums als Argument für eine Zinserhöhung im Dienste dauerhafter Preisstabilität herhalten: Mit einer Jahresrate von derzeit über sechs Prozent liegt das Wachstum jedenfalls deutlich über dem Planansatz der EZB für das laufende Jahr von 4,5 Prozent. Doch das allein ist noch kein zwingender Grund, die Zinsen automatisch zu erhöhen. Auch Otmar Issing sieht das so. Der EZB-Chefvolkswirt erinnerte erst unlängst daran, dass die Verbraucher zurzeit von zahlreichen Vergünstigungen durch die Liberalisierung auf dem Telekom- und dem Strommarkt profitieren. Tatsächlich zeichnet sich bislang nicht ab, dass die Inflationsrate in naher Zukunft den Wert von zwei Prozent überschreitet - ein Wert, den die Notenbank durchaus als noch akzeptabel und stabil bezeichnet.

Und trotzdem werden die Notenbanker handeln - weil die Konjunktur in den Ländern der Währungsunion in der zweiten Jahreshälfte wieder auf Touren gekommen ist und die einschlägigen Prognosen auf mehr Wachstum und mehr Inflation deuten. Die Gründe für die vorsorgliche Zinssenkung im April, formuliert es Otmar Issing vorsichtig, seien verschwunden. Man hätte es auch deutlicher sagen können: Die Europäische Zentralbank besinnt sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe.

Streng genommen hatte sie nämlich auch im Frühjahr die Alternative, alles so zu lassen wie es war. Statt die Zinsen zu senken und sich dem Verdacht auszusetzen, als Erfüllungsgehilfe der Politik zu operieren, hätte die EZB den Zins mit drei Prozent unverändert lassen können. Schon damals gaben die Statistiken schliesslich eine lebhaftere private Nachfrage nach Krediten und ein dynamischeres Wirtschaftswachstum in Südeuropa zu erkennen; ganz zu schweigen von der Sonderkonjunktur in Irland. Mit anderen Worten: so grundlegend hat sich das Umfeld der Währungspolitiker seither gar nicht verändert. Vielmehr hat sich der Blickwinkel in der Geldpolitik leicht verschoben.

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