Wirtschaft : Schrottautos sind gefragt wie nie

Weil weltweit immer mehr Stahl gebraucht wird, bringen selbst Altwagen gutes Geld

Fritz Niemann

Berlin - Wer früher sein Auto verschrotten ließ, musste ganz schön tief in die Tasche greifen und rund 100 Euro bezahlen. Das ist heute anders: Sogar ein Schrottauto lässt sich oft noch zu Geld machen: „Für einen VW Golf gibt es so um die 80 Euro“, sagt Helmut Juschkat, Platzmeister der Autopresse Tempelhof in Berlin. Die Autoverwertung Otto Sperber aus Berlin-Schöneberg bezahlt für höherwertige Fahrzeuge sogar bis zu 400 Euro. Das Zertifikat für die regelgerechte Entsorgung erhält der Verkäufer in beiden Fällen obendrauf.

Dass Altautos gefragt sind, liegt nicht zuletzt am enormen Stahlbedarf Chinas. Die aufstrebende Wirtschaftsnation braucht so viel Eisenerz und Schrott, Kohle und Koks, dass es auf dem Weltmarkt zu Engpässen kommt. Und dieser Bedarf wird in den kommenden Jahren eher noch wachsen: 200 Millionen Chinesen wollen in den nächsten zehn Jahren vom Land in die Stadt umsiedeln. Im Zuge dieser Völkerwanderung müssen neue Brücken und Häuser gebaut werden. Für die Olympischen Spiele 2008 in Peking müssen Stadien errichtet werden, für die Weltausstellung 2010 in Shanghai sind weitere Investitionen fällig – dafür benötigt China enorme Mengen an Stahl.

Weltweit wurden im vergangenen Jahr 950 Millionen Tonnen Stahl erzeugt, rund 42 Prozent davon aus Schrott – und der ist teuer: „Die Schrottpreise sind auf einem historischen Höchststand“, sagt Beate Brünighaus, Vorstandssprecherin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Derzeit kostet eine Tonne Stahlschrott 260 bis 270 Euro, vor einem Jahr waren es noch 108 Euro – das ist ein Anstieg von 145 Prozent.

250 Millionen Tonnen Stahl wurden im vergangenen Jahr im Reich der Mitte hergestellt, damit überflügelte China alle anderen Länder der Welt. Aber die chinesische Stahlindustrie kann mit dem unglaublichen Rohstoffbedarf des Landes nicht mitwachsen. Deshalb werden enorme Mengen importiert. 9,3 Millionen Tonnen Stahlschrott führte China 2003 ein und ist damit weltweit hinter der Türkei Importeur Nummer zwei. Beide Staaten verfügen über eine große Zahl von Elektrostahlwerken, die für die Stahlerzeugung überproportional viel Schrott benötigen. Bis zum Jahr 2005 werden Chinas Einfuhren ein Niveau von 15 bis 20 Millionen Tonnen erreicht haben, hat die Wirtschaftsvereinigung Stahl errechnet. Aus Deutschland bezog China in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 7330 Tonnen Schrott, nach 6235 im vergangenen Jahr, wie das Statistische Bundesamt feststellte - so viel wie Finnland und die Tschechische Republik zusammen.

„Natürlich ist das hohe Level der Schrottpreise durch die Nachfrage aus China bedingt“, meint Klaus Matthies vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Mit Stahlschrott kann ohne Qualitätsverlust immer wieder neuer Stahl hergestellt werden. Diese Fähigkeit macht ihn zu einem der wichtigsten Rohstoffe für die Stahlerzeugung – und zu einem der begehrtesten.

„Zurzeit prügelt man sich regelrecht um den Schrott“, berichtet Ulrich Lenning, Geschäftsführer des Bundesverbandes Stahlrecycling (BDSV). Das bestätigt auch Dietmar Stamm. Stahlschrott sei „knapp und teuer“, weiß der Sprecher von Deutschlands größtem Stahlkocher Thyssen-Krupp. Thyssen-Krupp müsse „die hohen Schrottpreise teilweise an die Kunden weitergeben“. Das Unternehmen kündigte kürzlich die vierte Preiserhöhung in diesem Jahr an.

Neben der hohen Nachfrage nach Stahlschrott gibt es aber noch einen anderen Grund, warum eine Autoverschrottung heutzutage zum Gewinngeschäft werden kann: Zu wenig schrottreife Fahrzeuge wandern noch in die Schrottpresse. „Viele alte Autos werden nach Osteuropa oder Afrika transportiert, dort repariert und weiterbenutzt“, sagt Verbandsvertreter Lenning. Vor allem seit Polen EU-Mitglied ist, „beobachten wir endlose Fahrzeugkolonnen, die Richtung Osten rollen“. Allein in den ersten beiden Monaten nach dem EU-Beitritt, im Mai und im Juni, importierten die Polen 159839 Autos aus dem Westen – mehr als drei mal so viele wie im gesamten Vorjahr, wie das polnische Finanzministerium feststellte. Im Durchschnitt seien die Autos zehn Jahre alt. Seit dem Fall der Zollschranken am 1. Mai haben sich die Einfuhrbestimmungen für Gebrauchtfahrzeuge geändert. Statt der bisher geltenden Abgasnorm „Euro zwei“ fallen Gebrauchtfahrzeuge in Polen nun unter die Norm „Euro eins“. Damit kann jedes bis zu zehn Jahre alte Auto – unabhängig von seinem Zustand – eingeführt werden.

Für den Kunden, der sein schrottreifes Auto hierzulande loswerden möchte, hat das Vorteile: „Die Tendenz ist ganz klar – bei der Verschrottung wird bezahlt“, berichtet Olaf Oeler, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Autorecyclingbetriebe. „Gewöhnlich muss der Bürger für die Abfallentsorgung bezahlen, hier ist es mittlerweile andersherum“, bestätigt Ulrich Lenning vom BDSV.

Platzmeister Juschkat von der Autopresse Tempelhof holt die Autos sogar teilweise kostenlos ab, denn „es gibt einfach nicht genug Fahrzeuge zum Verschrotten“. Er sei seit 35 Jahren im Geschäft, aber „so verrückte Zeiten habe ich noch nie erlebt“, sagt Juschkat. Für richtig lukrativ hält er das Verschrotten eines alten Autos jedoch nicht: „Neulich wurde in Danzig eine ganze Stahlbrücke geklaut, 400 Tonnen schwer, das lohnt sich, dagegen ist das Schrottgeschäft mit Altautos gar nichts.“

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