Wirtschaft : Schuhe aus Pappelholz und Fallschirmgurten Deichmann feiert 100-jähriges Jubiläum

Uta Knapp (dpa)
Das erste Geschäft.
Das erste Geschäft.Foto: dpa

Essen - Gründerboom im Ruhrgebiet: Vor 100 Jahren entstanden im Essener Norden gleich zwei der bekanntesten deutschen Einzelhandelsunternehmen. Aus dem „Handel mit Backwaren“ des Bäckers Karl Albrecht wurde Deutschlands führender Discounter Aldi, nur wenige Kilometer entfernt eröffnete Heinrich Deichmann ebenfalls im Jahr 1913 den mit damals neuartigen Maschinen ausgestatteten Schusterladen „Elektra“.

Heute ist das Familienunternehmen Deichmann Europas größter Schuhhändler mit rund 3200 Filialen und 33 000 Mitarbeitern in 22 Ländern Europas und den USA. Unter Leitung des Gründerenkels Heinrich Deichmann hat die Firmenzentrale weiterhin ihren Sitz im Essener Arbeiterstadtteil Borbeck. In einem wichtigen Punkt unterscheidet sich die Strategie des Enkels jedoch von der seines gleichnamigen Großvaters. Während Heinrich Deichmann Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Kauf der Maschinen noch über Kredite finanzierte, kommt so etwas dem Heinrich Deichmann des Jahres 2013 nicht in den Sinn. „Börsengang und Bankkredite sind für die Inhaber kein Thema“, heißt es heute auf der Internetseite des Unternehmens.

Das stürmische Wachstum des in der Branche bisweilen „Schuh-Aldi“ genannten Händlers hat das bislang nicht gebremst. Im kommenden Monat will das Unternehmen in Bosnien-Herzegowina seine Auslandsexpansion fortsetzen.

Auf teure Extravaganzen hat das Familienunternehmen aus dem Ruhrgebiet immer verzichtet. Die ersten Kunden waren vor allem Bergleute, denen der Deichmann-Gründer zusammen mit seiner Ehefrau Julie günstige und robuste Schuhe aus fabrikmäßiger Produktion anbot – mit großem Erfolg. Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1940 sorgte Julie Deichmann für den Fortbestand des Geschäfts. Der einzige Sohn Heinz-Horst war damals erst 13 Jahre alt.

Bereits direkt nach dem Krieg wurden bei Deichmann rund 50 000 Paar Schuhe in Eigenregie gefertigt – aus Pappelholz und Fallschirmgurten. Hinzu kam eine florierende Tauschbörse für gebrauchte Schuhe. Während die Firma weiter expandierte, holte Heinz-Horst Deichmann das Abitur nach und studierte Theologie und Medizin.

Auch heute noch macht die Unternehmerfamilie Deichmann durch ihr christliches und missionarisch-karitatives Engagement auf sich aufmerksam. Übertriebener Luxus ist tabu. Der mittlerweile 86-jährige Senior ist noch als stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats im Unternehmen aktiv.

Zum Geschäftsprinzip gehören seit jeher niedrige Preise. Der Durchschnittspreis pro verkauftem Paar lag im vergangenen Jahr bei rund 20 Euro. Produziert wird längst weltweit. Rund 70 Prozent der bei Deichmann verkauften Schuhe kommen aus China. Uta Knapp (dpa)

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