Schuhmacher : Auf maßgefertigten Sohlen

Die Schuhmacher machen immer mehr Geschäfte mit Orthopädie. Durch den demografischen Wandel bekommen immer mehr Menschen Fußprobleme.

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An der Werkbank. Ursula Breitbach arbeitet einen Herrenschuh um. Foto: Mike Wolff
An der Werkbank. Ursula Breitbach arbeitet einen Herrenschuh um. Foto: Mike Wolff

Berlin - Zischend senkt sich die Presse auf die Schuhsohle, verharrt dort eine Sekunde und löst den zwei Bar starken Druck wieder. Der Absatz, den Schuhmachermeisterin Ursula Breitbach zugeschnitten hat, haftet nun. Er ist einige Millimeter höher als vorher. „Der Kunde hat einen Beckenschiefstand“, erklärt Breitbach. Wenn der Schuh fertig bearbeitet ist, wird man die Veränderung nicht mehr sehen können. So diskret können orthopädische Zuarbeiten an einem Schuh sein. Für diese Arbeiten ist Ursula Breitbach in der Charlottenburger Orthopädie- und Schuhmacherei Paul Körting zuständig.

In solchen Veränderungen liegt ein Stück Zukunft der Schuhmacherei. „Weil wegen des demografischen Wandel immer mehr Menschen Fußprobleme bekommen werden, wird die Zahl der sogenannten Zurichtungsarbeiten am Konfektionsschuh steigen“, sagt Peter Schulz, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Schuhmacher-Handwerks. Solche Perspektiven hat das Schuhmacher-Handwerk nötig. Seit Schuhe im 19. Jahrhundert in die industrielle Massenproduktion gegangen sind, ist der Beruf immer mehr in eine Nische gedrängt worden. Zuletzt haben Schuhreparaturdienste – die ein Gewerbe anmelden können, ohne eine Ausbildung im Handwerk gemacht zu haben – und Billigprodukte aus Asien der Branche zugesetzt. Viele Kunden wollen nicht 20 Euro für eine neue Besohlung zahlen, wenn der Schuh im Laden nur 20 Euro gekostet hat.

Vor 25 Jahren hatte die Berliner Schuhmacher-Innung noch 180 Mitgliedsbetriebe, heute sind es 21. Die Mitgliedschaft in der Innung ist freiwillig. Insgesamt schätzt Innungsobermeister Olaf Scherler, dass es in Berlin rund 100 Schuhmacherbetriebe gibt. 1951 waren es allein in Westberlin noch 1859. Doch die Talsohle ist durchschritten, sagt Scherler. Die Kunden kaufen insgesamt wieder hochwertigere Schuhe, bei denen sich eine Reparatur lohnt. Und sie entdecken die Vorzüge des Maßschuhs wieder, der zwar teuer, aber langlebig ist. „Bei guter Pflege hält der Maßschuh mindestens 20 Jahre“, sagt Scherler. In Berlin liegt das durchschnittliche Alter in der Branche bei 55 Jahren. Mit einer Imagekampagne will der Zentralverband das Ansehen der Schuhmacher aufpäppeln – und um Nachwuchs werben. „Das sind heute moderne Dienstleistungsbetriebe“, sagt Geschäftsführer Peter Schulz.

Und dann ist da noch der Gesundheitsaspekt. In der Regel hat der Orthopädie- Schuhtechniker eine Zulassung bei der Krankenkasse. Ist der Kunde privat versichert, kann er auch zum Schuhmacher gehen. Dieser hat in seiner dreijährigen Ausbildung auch einen Pflichtteil in Orthopädie. Deswegen kann Schuhmacherin Ursula Breitbach auch so nebenbei von Schuhveränderungen bei Knickfüßen, Arthrose oder zur Mittelfußentlastung erzählen. In ihrem ruhigen Werkraum mit Blick auf den Innenhof repariert und verändert die 42-Jährige Konfektionsschuhe. „Das sind mitunter sehr komplizierte Sachen.“ Sie zeigt einen linken Herrenschuh, den der Kunde als Modell dagelassen hat: Er ist um sieben Zentimeter höher als sein rechtes Pendant. Anhand dieses Modells wird die Meisterin ein neues Paar Schuhe verändern, das der Kunde im Handel gekauft hat. Ursula Breitbach arbeitet mit altehrwürdigem Werkzeug. Das Sohlenbeschnittmesser besitzt sie seit ihrer Lehre, die sie 1988 begann. „Und das“, sagt sie und greift zu einem Metallteil in Schuhspitzenform mit Holzgriff, „ist Vorkriegszeit“. Gegen das Alter der Berliner Schuhmacher-Innung ist das nichts. 2009 feierte sie 725-jähriges Jubiläum.

Der Tradition begegnet Ursula Breitbach mit Bodenhaftung: „Wir heilen nicht, können aber bewirken, dass eine Erkrankung nicht weiter fortschreitet“, sagt sie. Bevor die Schuhmacherin sich an die Arbeit macht, sieht sie den Kunden beim Laufen zu. „Man muss sehr gut beobachten und exakt arbeiten können“, sagt sie. Wenn Sie mehr Zeit hat, fertigt Ursula Breitbach auch sehr gerne Maßschuhe. Dazu kommt sie gerade nicht, weil die Kunden dringend ihre Winterschuhe brauchen.

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