Schuldenkrise : Die Autoindustrie in der Euro-Falle

Europas Schuldenkrise belastet die Hersteller – die Konkurrenz aus Korea profitiert.

M. Fasse,M. Schneider
Stillstand. Im Mai hielten sich die Autokäufer in Deutschland wegen der Angst um mögliche Folgen der Euro-Krise zurück. Foto: dpa
Stillstand. Im Mai hielten sich die Autokäufer in Deutschland wegen der Angst um mögliche Folgen der Euro-Krise zurück. Foto: dpaFoto: dpa

München / Hamburg - Die Autoindustrie teilt sich mehr denn je in Gewinner und Verlierer. Während auf Europa fokussierte Hersteller wie Fiat und Opel neue Rückschläge verkraften müssen, fahren global ausgerichtete Autokonzerne wie Hyundai aus Korea neue Rekorde ein. Die Gewichte verschieben sich damit weiter. „Die Schuldenkrise in den südeuropäischen Ländern beschleunigt die Konsolidierung. Die Zweiteilung der europäischen Automobilindustrie in Gewinner und Verlierer verschärft sich“, sagte Stefan Bratzel, Professor für Autowirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach dem „Handelsblatt“.

Lief der Absatz zu Beginn des Jahres ohnehin schon schlecht, so kommt der Mai schlicht einer Katastrophe gleich. Um 8,7 Prozent brachen, wie berichtet, die Verkäufe in Westeuropa gegenüber dem Vorjahr ein. In Europa ist es der achte Minusmonat in Folge. Dabei gilt der Mai auch in der Autoindustrie eigentlich als Wonnemonat. In guten Jahren werden dann die Höfe geräumt, finden selbst Ladenhüter den Weg auf die Straße.

In diesem Jahr ist das anders. Seit Januar wurden in Frankreich 17 Prozent weniger Autos verkauft, Italien ist mit über 19 Prozent im Minus, Griechenland brach um 40 Prozent ein. Sogar Deutschland, bisher stabil, liegt inzwischen mit fast fünf Prozent im Minus. „Es ist noch schlimmer gekommen, als gedacht“, sagt Arndt Ellinghorst von der Credit Suisse in London. „Es ist durchaus möglich, dass der europäische Markt in diesem Jahr um acht bis zehn Prozent schrumpft.“ Zu Jahresbeginn gingen die Branchenbeobachter von minus vier bis minus fünf Prozent aus. Zur Euro-Krise und der Rezession in Südeuropa kommen hausgemachte Probleme. Überkapazitäten von bis zu 30 Prozent vermutet die von der EU eingesetzte Expertengruppe Cars 21 unter Europas Autoherstellern. „Mindestens fünf Fabriken sind auf Dauer überflüssig“, sagt Autoprofessor Bratzel.

Krampfhaft versuchen die Hersteller ihre Marktanteile zu halten: in der Hoffnung, dass die Konkurrenz über kurz oder lang aufgeben muss. „Der Markteinbruch führt gerade im Klein- und Kompaktsegment zu einem enormen Preiswettbewerb, den manche Hersteller auf Dauer nicht durchhalten können“, sagt Bratzel. Volumenhersteller wie Fiat, Opel und PSA (Peugeot, Citroën) verlören zunehmend Volumen, wodurch ihr Geschäftsmodell zerbrösele.

Doch eine Marktbereinigung lässt bisher auf sich warten. Beispiel Opel: Obwohl die Traditionsmarke weiter tiefrote Zahlen schreibt, bekräftigte die Tochter des US-Konzerns General Motors vergangene Woche die Standortgarantie für ihr Werk in Bochum bis 2016. Der Turnaround rückt derweil in weite Ferne, im Mai brach der Opel-Absatz um 15,6 Prozent ein. Finster sieht es auch für die Franzosen aus. Renault hat seit Jahresbeginn 13 Prozent, PSA fast 20 Prozent Absatz verloren. Jenseits des Rheins fällt man in altbekannte Reflexe: Renault stellte die Anfrage auf Staatshilfen bei der neuen sozialistischen Regierung.

30 Milliarden Euro spendierten die europäischen Regierungen in der vergangenen Krise 2008 und 2009 für Abwrackprämien und Notkredite, mit denen die Branche gestützt wurde. Angepasst oder geschrumpft wurde nichts. Das rächt sich nun. Die Schuldenkrise verringert die Spielräume, kaum eine Regierung hat noch Mittel, ihre Hersteller zu stützen.

Auch Fiat, derzeit mit zwölf Prozent im Minus, bittet um staatliche Hilfe. Mit 273 Millionen Euro schrieb das Europageschäft im ersten Quartal tiefrote Zahlen, lediglich die hohen Gewinne des zu 60 Prozent erworbenen US-Herstellers Chrysler halten den Fiat-Konzern in den schwarzen Zahlen.

Die global orientierten Konkurrenten werden derweil immer stärker. Hyundai erhöht die Produktion in Tschechien um 20 Prozent auf 300 000 Fahrzeuge. Mit der verdoppelten Fertigungskapazität in der Türkei hat Hyundai dann bis Ende 2013 die Möglichkeit, eine halbe Million Fahrzeuge in Europa zu bauen, berichtet „Automotive News Europe“. Selbst Marktführer VW schaut immer intensiver auf die aggressiven Koreaner. Weltweit wachsen die Wolfsburger ungebrochen, weiteten den Absatz in diesem Jahr um 8,4 Prozent aus. Doch besonders die spanische Tochter Seat leidet mit einem Minus von 15 Prozent im Mai unter der Misere in Europa. Hyundai und die Schwestermarke Kia haben Seat abgehängt. HB

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