Schuldner-Atlas 2007 : Jeder zehnte Bürger ist pleite

Gute Konjunktur, sinkende Arbeitslosigkeit. Dennoch hat sich die Lage der Schuldner in Deutschland nicht verbessert. Besonders prekär ist die Lage in Berlin. Neukölln steht bundesweit sogar am schlechtesten da.

Juliane Schäuble

Berlin - Die Hoffnungen wurden enttäuscht. Trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosigkeit steigt die Zahl der Menschen weiter, die ihre Schulden und Kredite nicht mehr zurückzahlen können. Rund 7,3 Millionen Personen in Deutschland müssten als überschuldet gelten, teilte die Wirtschaftsauskunftsdatei Creditreform am Freitag in Düsseldorf mit. Das bedeutet, jedem zehnten Erwachsenen wachsen die Schulden über den Kopf. Im vergangenen Jahr waren es noch 150 000 Betroffene weniger gewesen. Allerdings zeigt der „Schulden-Atlas“ auch, dass die Zahl der Schuldner etwas langsamer als in der Vergangenheit steigt.

Besonders brisant sei die Lage in den Großstädten, erklärte Creditreform. Nach dem Spitzenreiter Offenbach, wo 21 Prozent der Bewohner überschuldet sind, belegen Duisburg, Berlin und Düsseldorf die negativen Spitzenplätze. Hier sei jeder Sechste überschuldet. Die wenigsten Schuldner habe der bayerische Landkreis Eichstätt mit gut vier Prozent der Einwohner.

In einem Fallbeispiel hat Creditreform auf die besondere Situation Neuköllns hingewiesen. Hier würde sich die Überschuldungssituation selbst durch „nachhaltigste Hilfestellungen“ offensichtlich „nicht alleine und nicht sofort verbessern können“, heißt es. Mit einer aktuellen Schuldnerquote von 21,43 Prozent (2006: 21,12 Prozent) „würde der Bezirk Neukölln als eigenständige Stadt betrachtet den letzten Rang im Kreis- und Stadt-Ranking einnehmen“. Schuld seien eine Vielzahl sozialer Probleme, etwa die hohe Arbeitslosenquote. Zudem weise Neukölln bundesweit den höchsten Anteil Alleinerziehender mit Kindern unter 18 Jahren auf – dies sei die am stärksten von Überschuldung betroffene Gruppe.

Als überschuldet gilt, wer seine monatlichen Zahlungsverpflichtungen wie Miete, Nebenkosten, Versicherungen oder notwendige Einkäufe durch seine Einnahmen nicht decken kann und zudem weder Vermögen hat noch Kredite in Anspruch nehmen kann.

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Ein besorgniserregender Trend ist der Studie zufolge, dass sich immer mehr Jüngere verschulden. Bereits ein Prozent aller unter 20-Jährigen sei in absehbarer Zeit nicht mehr in der Lage, die Ausgaben mit ihrem Einkommen zu begleichen. Bei den 20- bis 29-Jährigen liege der Anteil bei 8,6 Prozent. Dieser Prozentsatz sei innerhalb von nur drei Jahren um 1,1 Punkte gestiegen. Insbesondere Handyverträge stellen demnach eine Gefahr dar: Oft seien die Nutzungsbedingungen nur schwer durchschaubar.

In den neuen Bundesländern liegt der Anteil der Schuldner der Studie zufolge mit 11,5 Prozent nur leicht höher als im Westen Deutschlands (10,7 Prozent). Dagegen fällt die durchschnittliche Schuldenhöhe in den alten Bundesländern viel höher aus. Das liege auch daran, dass letztere „in Erwartung einer stabilen Erwerbsbiografie umfassendere finanzielle Verpflichtungen eingegangen“ seien.

Generell lässt sich deutlich ein Nord- Süd-Gefälle feststellen. Die niedrigsten Schuldnerquoten weisen die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen (zwischen acht und zehn Prozent) auf. Schlusslichter sind wie im vergangenen Jahr Bremen (15,5 Prozent), Berlin (15,3) und Sachsen-Anhalt (13,7).

Eine Schuldnerkarriere wird laut Creditreform meist durch Arbeitslosigkeit ausgelöst (30 Prozent). Auch Menschen, die zu wenig verdienten, tappten vergleichsweise häufig in die Schuldenfalle (9,4 Prozent). Daran werde sich auch in Zukunft nicht ändern. Allerdings würden die „subjektiven Faktoren“ weiter an Einfluss gewinnen: Schon jetzt gerieten rund eine Million Schuldner durch „übermäßiges Konsumverhalten“ in die Schuldenspirale, schreiben die Experten. Diese würden zum einen nachholen, wo sie sich beim Konsum in den konjunkturell schwächeren Jahren zwischen 2002 und 2005 zurückgehalten hätten. Zum anderen würden sie ihre finanziellen Möglichkeiten schlicht falsch einschätzen.

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