Schuldneratlas : Mehr Arbeit, weniger Miese

Durch den Aufschwung seit 2005 ist die Zahl der Überschuldeten gesunken – sogar in Berlin. Nun droht die Trendumkehr.

Alexander Visser

Berlin - Weil viele Menschen einen neuen Arbeitsplatz gefunden haben, ist die Zahl der überschuldeten Bundesbürger gesunken. Dennoch stecken immer noch mehr als zehn Prozent der Deutschen in den roten Zahlen, wie aus dem am Dienstag in Düsseldorf vorgelegten Schuldner-Atlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervorgeht. Aufgrund der Finanzkrise könnte es zu einem neuerlichen Anstieg der Schuldner in nächster Zeit kommen, warnte Creditreform-Vorstand Helmut Rödl.

Creditreform zufolge liegt Überschuldung vor, wenn die monatlichen Verpflichtungen des Schuldners höher sind als seine Einnahmen und keine Rücklagen vorhanden sind. Der Studie zufolge betrug die Schuldnerquote im bundesweiten Durchschnitt im Oktober 10,11 Prozent. Damit seien 6,9 Millionen Bürger über 18 Jahren verschuldet, 6,4 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Hauptgrund für die sinkende Verschuldung sei der Rückgang der Zahl der Arbeitslosen von über fünf auf drei Millionen seit 2005. In den neuen Bundesländern (ohne Berlin) ging die Verschuldungsquote um durchschnittlich 1,2 Prozentpunkte zurück, stärker als im Westen. Damit ist die Verschuldung im Osten nur noch wenig höher als in den alten Ländern: 10,30 gegenüber 10,07 Prozent.

Bayern zählt laut Schuldneratlas pro Kopf die wenigsten Schuldner, Bremen und Berlin die meisten. In der Hauptstadt ging die Überschuldung stärker zurück als inden meisten anderen Ländern: Die Quote sank um 1,29 Prozentpunkte auf 13,96 Prozent.

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In der Schuldnerberatung „Arbeitskreis Neue Armut“ in der Neuköllner Richardstraße spürt man allerdings keine Entspannung: „Hier stehen am Donnerstag, wenn wir Erstgespräche anbieten, immer noch um die 70 Leute vor der Tür“, berichtet Schuldenberater Frank Wiedenhaupt. „Wir wissen gar nicht, wie wir denen allen helfen sollen.“

Immerhin hätten mehrere Neuköllner, die bereits seit geraumer Zeit beraten würden, in den vergangenen Monaten eine Anstellung gefunden. „Einige arbeiten jetzt am Flughafen Schönefeld“, sagt Wiedenhaupt. „Die haben jetzt eine Perspektive, aus den Schulden rauszukommen, sind aber noch nicht über den Berg.“ Andererseits schaffe die Finanzkrise nun neue Fälle. Hausbauer mit mittlerem Einkommen, die einen Teil ihrer Einnahmen in Aktienfonds investiert hätten, um Sondertilgungen vorzunehmen, hätten schon bei der Schuldnerberatung vorgesprochen. „Die Aktienfonds sind abgestürzt, dadurch sind die Finanzierungspläne durcheinandergeraten“, sagt Wiedenhaupt. Er befürchtet, dass in den kommenden Monaten die Zahl der Menschen in Geldnöten weiter steigt.

Das sieht auch Creditreform so: Mit der befürchteten Wirtschaftskrise drohen Arbeitslosigkeit und Verschuldung erneut zu steigen. Dabei spiele die Verschuldung durch das eigene Haus oder die eigene Wohnung eine geringere Rolle als beispielsweise in den USA. Besorgniserregend seien in Deutschland vor allem die zuletzt stark gestiegenen Verbraucherpreise, warnt die Auskunftei.

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