Schule trifft Uni : Grillfleisch, Friseure und Diktatoren

Normalerweise werden in der Berliner ESMT Führungskräfte ausgebildet. Jetzt hat die Eliteschule Sekundarschüler der Johann Thienemann Oberschule aus Steglitz zum Bewerbungstraining eingeladen.

Annika Waymann
Obacht. Christian, Ronja, Nadja, Sarah, Hassan und Christian (von links) überqueren einen imaginären Fluss.
Obacht. Christian, Ronja, Nadja, Sarah, Hassan und Christian (von links) überqueren einen imaginären Fluss.Foto: Katja Leppler/ESMT

Berlin - Im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR befindet sich eine der nobelsten Privatschulen Deutschlands. Die European School of Management and Technology (ESMT) bildet internationale Führungskräfte aus. Wer sich die 29 000 Euro Studiengebühren nicht leisten kann und kein Stipendium hat, kommt hier normalerweise nicht rein. An diesem Tag findet in dem Gebäude ein Bewerbungstraining für 24 Schüler der Johann Thienemann Oberschule aus Steglitz statt. „Viele meiner Schüler kommen aus Hartz-IV-Familien", erzählt die Lehrerin, Frau Schellack. Ihre Klasse besteht eigentlich aus 20 Schülern, heute sind zwölf mitgekommen. Die anderen zwölf Schüler kommen aus der Klasse von Frau Nagels. Die Zehntklässler haben sich zu diesem Anlass besonders schick angezogen. Die meisten Jungen tragen Hemden. Seit vor zwei Jahren die Hauptschule in Berlin abgeschafft wurde, ist die Johann Thienemann Oberschule eine Integrierte Sekundarschule. Viele der Schüler haben einen Migrationshintergrund. „Bei mir sind etwa 50 Prozent Türken", sagt Schellack.

Auch ein Großteil der Studenten der ESMT stammt nicht aus Deutschland. Die 41 Studierenden kommen aus 24 Nationen. Für die Schüler ist das zweitägige Bewerbungstraining kostenlos. „Wir wollen der Gemeinschaft etwas zurückgeben“, sagt Mitarbeiterin Ulrike Schwarzberg. Schon das Ambiente und die Begegnung mit Menschen, die Anzüge tragen, würden den Schülern helfen, bei einer Bewerbung nicht auf eine unbekannte, beklemmende Situation zu treffen.

Nachdem der Tag mit einer Begrüßung durch den Managing Director der Hochschule begonnen hat, steht jetzt ein Politikquiz auf dem Programm. Ulrike Schwarzberg erklärt, dass man den Schülern näherbringen wolle, wie Politik und Wirtschaft „draußen" funktionieren. Die Jugendlichen werden in acht Gruppen aufgeteilt. Die erste Frage nach dem aktuellen Bundespräsidenten beantwortet nur eine Gruppe falsch. Der Banken- und Finanzexperte Jan Hagen unterrichtet sonst in englischer Sprache Fächer wie Marketing, Finance Operation, Decision Making und Strategy. Auch als Interviewpartner zum Thema Euro-Krise ist er gefragt. Jetzt redet Hagen ganz locker auf Deutsch mit den Schülern. Er fragt, welche gängigen Staatsformen es außer der Demokratie noch gibt. Ein Schüler ruft in den Raum: „Gibt’s noch Diktatur? Die gibt’s doch nicht mehr heutzutage!" Die meisten Gruppen einigen sich auf Antwort B: „Republik; Monarchie und Diktatur". Die nächste Frage lautet: „Was ist die EU?" Die Mädchen aus Gruppe sechs beraten und entscheiden sich für C: „Die Europäische Union ist die Europäische Zentralbank." „C ist falsch!", meint Oghuzan, der neben ihnen sitzt. „Wir nehmen aber C!“, schallt es zurück. Als das Quiz zu Ende ist, lobt Hagen die Schüler: „Ihr habt alle viel gewusst." Trotzdem empfiehlt er den jungen Menschen, vor Bewerbungsgesprächen noch mal ihre Bücher in die Hand zu nehmen, denn viele Arbeitgeber würden das Allgemeinwissen der Bewerber testen. „Aber auch für Wahlen ist es wichtig, diese Dinge zu wissen. Ihr seid bald 18 und könnt wählen. Wenn ihr nicht entscheidet, werden andere es tun."

Durch die Tür zum ehemaligen Büro von Erich Honecker geht es weiter zu einem Gruppenfoto. Ein paar Jungen verstecken sich hinter dem Vorhang vor dem Portal, auf dem Karl Liebknecht 1918 die „sozialistische Republik" ausgerufen hat. Ein Mädchen rückt ihr Kopftuch zurecht. Es wird gelacht, gequatscht und geschubst. Das Foto ist bereits der erste Teil der Teamübung. Andreas Bernhardt, der sonst Banker, Polizeibeamte und Führungskräfte trainiert, will wissen, wer einen Job anstrebt, in dem Teamarbeit wichtig ist. Ein paar heben die Hand. Dann sollen die zwölf Mädchen und Jungen Vierergruppen bilden. Es dauert etwas, denn die Mädchen haben vier Dreiergruppen gebildet und keine will ihre Dreiergruppe aufgeben. Am Ende werden aber ohnehin alle neu aufgeteilt. Sie bekommen Zahlen von eins bis vier zugewiesen und finden sich in vier Sechsergruppen wieder. Im Beruf kann man sich schließlich auch nicht aussuchen, mit wem man zusammenarbeitet. Bernhardt versucht, die erste Aufgabe zu erklären, aber es ist zu laut. „Also mit Zuhören ist es auch bei den Führungskräften immer ganz schwierig", sagt er. Die Jugendlichen sollen eine Zeltstange, die auf ihren ausgestreckten Zeigefingern liegt, gemeinsam auf dem Boden ablegen. Die Aufgabe ist schwieriger als gedacht.

Bei der nächsten Übung müssen sechs Leute zehn Sekunden lang auf einer sehr kleinen Matte stehen. Es scheint fast unmöglich, auf der Matte können vielleicht zwei bequem stehen. Schließlich schafft eine Gruppe es, indem die Größeren die Kleineren Huckepack nehmen. Auch Christian erklärt, dass seine Gruppe fertig sei. Er hat die Namen aller Gruppenmitglieder auf die Matte geschrieben.

Zuletzt müssen die Schüler einen fiktiven Fluss mit wilden Tieren überqueren. Danach geht es zum Mittagessen. Die Organisatoren haben dieses Jahr extra darauf geachtet, das Bewerbungstraining erst nach dem Fastenmonat Ramadan stattfinden zu lassen, da in den drei vorherigen Jahren immer ein paar muslimische Schüler abgesagt haben. Christian und Benjamin haben sich den Teller mit Würstchen, gegrilltem Fleisch und Kartoffelsalat voll geladen. Christian erzählt, dass er gerne Abitur machen und dann Jura studieren möchte. Angst vor Bewerbungsgesprächen hat er nicht. „Ich kann gut mit Leuten sprechen. In Bewerbungsgesprächen sollte man offen sein, Interesse an der Firma zeigen und sich nicht verstellen." Später will er als Anwalt arbeiten oder in die Politik gehen. „Da musst du aber deine Hausaufgaben immer machen", meint Benjamin. Er hat schon einen Ausbildungsplatz als Schuhmacher. Bei dem Meister hat er auch sein dreiwöchiges Pflichtpraktikum in der neunten Klasse gemacht.

Die Schüler der zehnten Klasse machen ein Jahrespraktikum, bei dem sie jeweils einen Wochentag in einen Betrieb gehen. Benjamins Meister wollte seine Zeugnisse gar nicht sehen, nur wie er arbeitet. Die meisten anderen Teilnehmer des Bewerbungstrainings wollen einen Mittleren Schulabschluss machen. Ihre Lehrerin nimmt an, dass es etwa die Hälfte von ihnen schaffen wird. Die Berufswünsche gehen von Stewardess und KFZ-Mechatroniker bis zum Modedesigner. Nadja möchte Fachabitur machen und dann BWL studieren. „Was ist das?“, will ein anderes Mädchen wissen. Janine, die Immobilienmaklerin werden will, erklärt: „Wenn man das studiert, kann man damit alles machen. Und man kriegt einen Titel!“

„50 Prozent haben gar keine Berufsvorstellungen und keine Motivation", sagt Frau Schellack. Von dem Training verspricht sie sich, „dass die Schüler damit konfrontiert werden, wie so ein Bewerbungsgespräch aussieht." Organisatorische Vorbereitung auf ein Gespräch, Bewerbungsknigge und die Simulation eines Vorstellungsgesprächs stehen noch auf dem Programm.

Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sind eigentlich nicht schlecht. Viele Betriebe in Deutschland konnten ihre offenen Ausbildungsstellen dieses Jahr nicht besetzen. 29 689 unbesetzten Ausbildungsstellen standen 11 550 -unversorgte Bewerber gegenüber. In Berlin gab es im letzten Jahr 447 unbesetzte Ausbildungsplätze. Nur leider gibt es die offenen Stellen nicht in den Berufen, in denen viele Jugendliche arbeiten wollen.

Der angehende Schuhmacher Benjamin ist eine Ausnahme. Sein Meister suchte händeringend nach einem Azubi. Schuhmacher will heute kaum noch jemand werden. Die meisten Auszubildenden in Berlin werden Kaufleute im Einzelhandel, Kaufleute für Bürokommunikation, Hotelfachleute, Friseure, Verkäufer oder Kraftfahrzeugmechatroniker.

0 Kommentare

Neuester Kommentar