Schulische Ausbildung : Zurück ins Klassenzimmer

Die meisten Berufe lernt man im Betrieb. Doch es geht auch anders. Was für rein schulische Ausbildungen spricht – und was dagegen.

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Lernen im Unterricht. Ob Logopäde, Tierpfleger oder Florist – viele Ausbildungen finden in Berufsfachschulen statt.
Lernen im Unterricht. Ob Logopäde, Tierpfleger oder Florist – viele Ausbildungen finden in Berufsfachschulen statt.Foto: Igor Mojzes Fotolia

Thea S. hat gut überlegt, ob sie sich an der Friedrich-List-Schule in Schöneberg anmelden soll. Ob sie noch einmal Schülerin sein, noch einmal zwei Jahre im Klassenzimmer sitzen will. Nach der Oberschule hatte sie eigentlich gedacht, diese Zeit hinter sich gelassen zu haben. Und nun sollte sie mit 24 Jahren dorthin zurückkehren – diesmal um einen Beruf zu lernen. Thea S. wollte Fremdsprachenassistentin werden. Sie entschied sich für die Schule.

Das Fachabi ist inklusive

Etwa 350 Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland. Die meisten werden dual vermittelt: Azubis lernen im Betrieb, einer Organisation oder Verwaltung und gehen parallel in die Berufsschule. Doch das ist nicht der einzige Weg in den Job.

Es gibt auch eine Reihe von Berufen, die man ausschließlich in einer Schule lernen kann. Logopäde, Erzieher und Fremdsprachenassistent gehören dazu.

Und es gibt Berufe, die man in der Regel im dualen Ausbildungssystem lernt, die aber auch an einem der vielen Berliner Oberstufenzentren oder bei einem privaten Bildungsträger vermittelt werden. Bankkaufmann, Tierpfleger, Bauzeichner oder Florist zum Beispiel.

Doch gleich, wo man ausgebildet wird. Am Ende steht die staatliche Abschlussprüfung bei der Industrie- und Handelskammer oder der Handwerkskammer. Ein Pluspunkt für die schulische Lehre: In einigen Ausbildungen kann man zusätzlich die Fachhochschulreife erwerben.

Schule oder Betrieb? Was ist aber nun der richtige Weg? Ist die eine Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt so viel wert wie die andere?

Ein bis drei Jahre dauern die Berufsausbildungen an Berufsfachschulen und weiterqualifizierenden Fachschulen in Berlin. Die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich: Manche Ausbildungsgänge, wie etwa Altenpflege, kann man mit der Berufsbildungsreife (dem neuen Schulabschluss, den Jugendliche in der Regel nach der neunten Klasse erwerben) beginnen. Für andere Ausbildungen, zum Beispiel zum Erzieher, ist Fachhochschulreife, Abitur oder eine berufliche Vorbildung nötig.

Meister gibt es nur im Betrieb

Der Alltag sieht, je nach Ausbildungsort, sehr unterschiedlich aus: „Als klassischer Azubi in einem Unternehmen lernt man kontinuierlich bei einem Meister und ist in die Arbeitsabläufe in seinem Ausbildungsbetrieb eingebunden. Man wird als Arbeitskraft eingeplant – und dafür bezahlt. Bei der vollschulischen Ausbildung werden dagegen meist Praktika absolviert“, sagt Herbert Hannebaum, der bei der Bildungsgewerkschaft GEW die Abteilung Berufsbildende Schulen leitet. Die Aufgaben unterscheiden sich deshalb gravierend. „Die reale Berufswelt mit klaren gesetzlichen Regelungen und dem Fokus auf Wirtschaftlichkeit jeglichen Handelns ist eine ganz andere Erfahrung“, erklärt Hannebaum.

Auch der Übergang in das Berufsleben verläuft anders: Ein klassischer Azubi wird im Idealfall nach Ende der Ausbildung direkt übernommen. Für Absolventen der vollschulischen Ausbildung beginnt dann die Bewerbungsphase.

Dass man bei einer Ausbildung an einer Schule nicht so fest eingebunden ist, habe aber durchaus Vorteile: So sei es für die Schüler leichter, an einem Sprachaustausch oder anderen Projekten teilzunehmen, weil man nicht im Betrieb laufende Aufträge abarbeiten muss. „Schule bietet andere Möglichkeiten als Wirtschaft“, sagt Hannebaum.

Thea S. hat die familiäre Atmosphäre an der Friedrich-Liste-Schule gut gefallen. Sie konnte Lehrern auch per E-Mail Fragen stellen. In Rechnungswesen wurden am Nachmittag kleine extra Lerngruppen angeboten, wodurch sie sich sehr verbessern konnte. An der Schule war Zeit für Mentoring, es wurde auch über Konflikte innerhalb der Gruppe gesprochen. Ihre Klasse war sehr gemischt, manche Mitschüler kamen direkt aus der Schule, andere hatten mehr Berufs- und Lebenserfahrung als sie. Auch zwei Mütter waren dabei. „Ich habe die Schule mit ganz anderen Augen gesehen“, sagt sie. Sie fühlte sich dort richtig, hatte Spaß am Unterricht, kam nicht zu spät, war nicht krank.

Für manche Azubis kann die vollschulische Ausbildung ein geschützter Rahmen sein, um zu lernen, sagt Nadine Drescher, Berufsberaterin der Agentur für Arbeit in Neukölln: „Man muss noch nicht mit älteren Chefs und Kollegen umgehen können.“

Hat man für einen Beruf beide Optionen, empfiehlt sie jedoch das duale System. Spätere Arbeitgeber schätzen, wenn man sich als Azubi schon in einem Betrieb bewiesen hat, weiß Drescher.

Praktika bieten Kontakte

Interessenten sollten sich am besten über beide Wege informieren. „Man kann sich bei Unternehmen bewerben und, wenn das nicht klappt, die Ausbildung an einer Schule absolvieren“, rät Drescher. Wer in der schulischen Ausbildung Praktika absolviert, solle sich darüber informieren, ob das Unternehmen Mitarbeiter sucht. So habe man für später den Kontakt.

Thea S. hatte keine Angst vor dem Wechsel von der Schule in den Beruf, sie fühlte sich gut vorbereitet, sagt sie. Es gab viele Rollenspiele an der Schule, Bewerbertage, Chefs von Unternehmen kamen zu Besuch, um Tipps zu geben für den Arbeitsmarkt, erzählt sie. Auch nach dem Ende der Ausbildung hat sich die Schule immer wieder mal gemeldet und Jobangebote geschickt. Die Ausbildung habe ihr Selbstbewusstsein gestärkt und ihr gezeigt, dass sie auch eigene Ideen in ein Unternehmen einbringen kann – und nicht nur die eingespielten Abläufe eines bestimmten Betriebes kennt, listet sie die Vorteile auf.

Fremdsprachenassistenten werden in vielen Bereichen gebraucht: Manche aus Theas Gruppe dolmetschen heute, andere arbeiten für Immobilienfirmen oder das Auswärtige Amt.

Thea S. ist seit fast zwei Jahren als „Expedientin“ im Bereich Versand von Frachtgut am Flughafen Tegel tätig. Sie telefoniert mit Speditionen, empfängt internationale Kunden, kümmert sich um die nötigen Dokumente für die Ein- und Ausfuhr von Gemüse, Medikamenten oder Turbinen. Mit ihren Kollegen spricht sie Deutsch, sonst läuft die Kommunikation auf Englisch. Sie fühlt sich wohl in ihrem Job. Es läuft für sie beruflich rund.

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