Wirtschaft : Schwache Streikmoral bei Ost-Metallern

Vorerst keine Warnstreiks in Brandenburg und Sachsen/Tariflöhne stiegen 2003 deutlich stärker als die Inflation

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Berlin (alf). Die IG Metall kann nicht überall das Instrument des Warnstreiks in der aktuellen Tarifauseinandersetzung einsetzen. Vor allem in Ostdeutschland gibt es Einschränkungen – nicht zuletzt auf Grund des verlorenen Arbeitskampfes um die 35Stunden-Woche. „Die Niederlage des letzten Jahres steckt uns noch in den Knochen“, sagte der IG-Metall-Chef im brandenburgischen Ludwigsfelde, Hermann von Schuckmann, dem Tagesspiegel. Die Moral in den Betrieben sei nicht die allerbeste, und so halte sich die Gewerkschaft mit einem Streikaufruf zurück. „Wir vermeiden Großmäuligkeit und wollen nicht die erste Geige spielen“, sagte Schuckmann, der als ehrenamtliches Mitglied auch dem IG-Metall-Vorstand angehört. Wenn jedoch ein Pilotabschluss im Westen von den ostdeutschen Arbeitgebern nicht übernommen würde, dann wären auch die Ost-Metaller zum Arbeitskampf bereit, glaubt von Schuckmann: „Dann ist die Mobilisierungsbereitschaft da.“ In den Verantwortungsbereich von von Schuckmann fallen unter anderem Werke von Daimler-Chrysler, Thyssen, MTU und Rolls-Royce.

Spekulationen in der Gewerkschaft, wonach von Schuckmann als Nachfolger des IG-Metall-Bezirksleiters von Berlin, Brandenburg und Sachsen, Hasso Düvel, in Betracht kommt, seien ihm „nicht bekannt“. Aber „schlimmstenfalls“ stünde er als „Notnagel“ bereit, sagte von Schuckmann dem Tagesspiegel. Düvels Sprecher Bernd Kruppa sagte auf Anfrage zur Düvel-Nachfolge: „Kein Kommentar.“ Auf die Frage, warum es keine Warnstreiks im Ostteil Berlins und in Brandenburg gibt, sagte Kruppa, das „Aktionskonzept sieht vor, dass wir nicht im Gleichschritt marschieren“. In Sachsen kann die IG Metall noch nicht zum Warnstreik aufrufen, weil dort die Friedenspflicht bis Ende Februar dauert. Im Westteil Berlins hat die IG Metall für Dienstag ihre Mitglieder bei Gillette zum Warnstreik aufgerufen.

Am Montag lag der Schwerpunkt der Warnstreiks für vier Prozent mehr Lohn in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen, aber auch Unternehmen in Niedersachsen und Thüringen waren beteiligt. Nach Angaben der IG Metall legten rund 12000 Arbeitnehmer in 58 Betrieben kurzzeitig die Arbeit nieder. Am Donnerstag treffen sich die Tarifparteien in Stuttgart erneut zu Verhandlungen; mit einem Ergebnis wird allerdings nicht gerechnet. Im Streit um einen Arbeitszeitkorridor zwischen 35 und 40 Stunden (38 und 40 Stunden im Osten) liegen die Positionen meilenweit auseinander. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser bekräftigte am Montag die Notwendigkeit der Betriebe, gegebenenfalls die Arbeitszeit auch ohne Lohnausgleich verlängern zu dürfen, um Kosten zu senken. Die IG Metall lehnt eine flächendeckende Verlängerung der Arbeitszeit, die dazu noch über eine Öffnungsklausel in das Ermessen der Betriebsparteien fallen soll, kategorisch ab.

Mehr Geld in der Tasche

Unterdessen teilte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut des DGB (WSI) mit, die tariflichen Löhne und Gehälter seien im vergangenen Jahr im Schnitt um 2,5 Prozent gestiegen. Dabei fiel die Erhöhung in den neuen Ländern mit 3,0 Prozent höher aus als in Westdeutschland (2,4 Prozent). Die Reallöhne und somit die Kaufkraft der Arbeitnehmer ist damit bei einer Inflationsrate von 1,1 Prozent deutlich gestiegen. Das WSI schreibt, „der kurzfristig kostenneutrale Verteilungsspielraum von rund 2,0 Prozent (Arbeitsproduktivität plus 0,9 Prozent, Preise plus 1,1 Prozent) wurde mehr als ausgeschöpft“.

Laut WSI schlossen die DGB-Gewerkschaften im vergangenen Jahr Lohn- und Gehaltstarifverträge für rund 8,9 Millionen Beschäftigte ab, davon 7,7 Millionen in den alten Bundesländern und 1,2 Millionen Arbeitnehmer in Ostdeutschland, wo die Tarifbindung deutlich geringer ist als im Westen. Das Tarifniveau im Osten betrug Ende 2003 93,4 Prozent des Niveaus im Westen nach 92,8 Prozent Ende 2002.

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