Wirtschaft : Schwebende Ungewissheit

Silvester geht der Transrapid in China auf Jungfernfahrt – in Deutschland streitet man sich immer noch um die Finanzierung

Dieter Fockenbrock

Die Freunde der Schwebebahn-Technologie schütteln nur den Kopf. Da rauscht zu Silvester ein Superzug durch die Lande, voll besetzt mit Politprominenz, 400 Sachen schnell und made in Germany – doch das Ereignis findet im Fernen Osten statt. Wäre da nicht das Fernsehen, das die Lobreden des chinesischen Premiers Zhu Rongji und des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder von Schanghai in die heimischen Wohnstuben überträgt, die Jungfernfahrt des Transrapid auf einer „richtigen“ Strecke würde glatt untergehen.

Bislang drehte die Schwebebahn ihre Runden nur auf einer Teststrecke im Emsland. Dort hat sie zweifellos bewiesen, dass sie betriebstauglich ist. Nur dass sich der Transrapid auch rechnet, das hat noch niemand schlüssig nachgewiesen.

Das hinderte Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) in seinem politischen Vorleben als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident aber nicht daran, den Transrapid – eine Nummer kleiner – unter dem Namen Metrorapid als Aushängeschild für sein Bundesland zu reklamieren. Schon zur Fußballweltmeisterschaft 2006 soll der schnelle Magnetzug zwischen Dortmund und Düsseldorf schweben. Die Bayern planen ein Konkurrenzprojekt zwischen dem Flughafen München und der Innenstadt. Ob die Züge jemals schweben werden, ist völlig ungewiss. Weder in Bayern noch am Rhein steht die Finanzierung.

Zur Erinnerung: Vor zwei Jahren, genauer im Februar 2000, stellten der Bund und das Transrapid-Konsortium (Adtranz, Siemens, Thyssen) fest, was Gegner des Projekts schon lange wussten: Die seit acht Jahren geplante Transrapid-Vorzeigestrecke Hamburg-Berlin ist nicht realisierbar. Nicht wegen der Bedenken der unermüdlich gegen die Strecke kämpfenden Umweltschützer, sondern, weil die Wirtschaftlichkeitsberechnungen für die 300 Kilometer lange Strecke auf wackeligen Füßen standen.

Doch Industrie und Befürworter wollten sich nicht geschlagen geben. 2,3 Milliarden Euro der Planungs- und Baukosten wurden damals aus dem Bundeshaushalt gerettet und auf Wiedervorlage gebucht. Das Geld ist nicht wirklich vorhanden, sondern nur als Verpflichtungsermächtigung der Regierung für den Fall des Falles. Und der ist nach Meinung der Metrorapid-Befürworter nun eingetreten. Bayern und Nordrhein-Westfalen legten jeweils konkrete Projekte vor. Die knapp 79 Kilometer zwischen Dortmund und Düsseldorf sollen 3,2 Milliarden Euro kosten, die 37 Kilometer in München 1,6 Milliarden. Berlin will 1,75 Milliarden (NRW) und 550 Millionen (Bayern) dazugeben – vorausgesetzt, die Restfinanzierung steht.

Doch genau daran könnte die Magnetbahn in Deutschland erneut scheitern. Dicke Gutachten sollten zwar belegen, dass das erwartete Fahrgastaufkommen, die Baukosten und wirtschaftlichen Betriebsrisiken für die geplanten Strecken diesmal richtig kalkuliert sind. Doch an diesen Prognosen hat der Bundesrechnungshof schon jetzt erhebliche Zweifel angemeldet.

Zweifel haben wohl selbst die Landespolitiker am Rhein. Die rot-grüne Regierung in Düsseldorf will den Metrorapid nämlich auf keinen Fall aus Landesmitteln mitfinanzieren. Im Gespräch ist stattdessen ein Finanzierungskonsortium, unter anderem um das Bankhaus Rothschild. Die Banker haben ausgerechnet die Deutsche Bahn als Kern einer solchen Metrorapid-Gesellschaft vorgeschlagen. Doch das Bundesunternehmen lehnt dankend ab. Allzu gut ist noch der Versuch in Erinnerung, die vollen Betreiberrisiken der Hamburger Strecke auf die Bahn abzuwälzen.

Ob Superminister Clement das Metrorapid-Projekt für seine Kollegen in Düsseldorf retten kann, ist ungewiss. Clement ist auch nicht zuständig, sondern der neue Verkehrs- und Aufbau-Ost-Minister Manfred Stolpe. Der ist zwar auch SPD-Mitglied, hat sich als ehemaliger Potsdamer Regierungschef aber nicht unbedingt als Freund des Milliardenprojekts Metrorapid hervorgetan. Noch ist kein einziger Euro im Haushaltsplan 2003 dafür vorgesehen. Rund 300 Millionen Euro, so heißt in Düsseldorf, werden aber dringend zur Finanzierung der Planung gebraucht. Sonst wird es nichts mehr mit dem 37-Minuten-Trip von Dortmund zum WM-Spiel im neuen Düsseldorfer Rheinstadion.

Dass in Berlin etwas schief laufen könnte, dämmert langsam auch den Genossen in Nordrhein-Westfalen. Deshalb rückten sie im Dezember in der Hauptstadt zum „Kennenlern-Termin beim Verkehrsminister“ an, wie es offiziell hieß. Herausgekommen ist dabei wohl nur eines: Bevor für den Metrorapid kein schlüssiges Finanzierungskonzept auf dem Tisch liegt, fährt Manfred Stolpe nicht auf die Magnetbahn ab.

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