Wirtschaft : Schweine auf Termin

Die erste deutsche Warenterminbörse nimmt heute in Hannover den Handel auf FRANKFURT (MAIN) (ret/HB).Für Landwirte war der Handel mit Schweinen in der Vergangenheit ein recht unsicheres Geschäft.Ludger Hengelsberg Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Nordwestdeutschlands klagt: "Preisschwankungen von 20 Pfennig pro Kilo innerhalb von einer Woche waren in der Vergangenheit keineswegs eine Seltenheit." Deshalb wartet Hengelsberg mit Spannung auf die Eröffnung einer neuen Warenterminbörse.An diesem Freitag soll es losgehen.Wenn die Warenterminbörse Hannover AG mit dem Handel von Futureskontrakten auf Kartoffeln und Schweine startet, bricht sowohl für die Agrarwirtschaft als auch für die Börsenspekulanten in Deutschland eine neue Ära an.Nach dem Willen der Politiker und der Spitzenvertreter der deutschen Agrarwirtschaft soll die neue Börse für eine bislang im Agrarwesen schmerzlich vermißte Transparenz sorgen. Gehandelt werden sogenannte WTB-Scheinefutures unter der Wertpapier-Kennummer 965273.Die Spezifikationen des Kontrakts sehen als handelbare Einheit lebende Schweine vor.Die Notierung des Kontrakts erfolgt an der Warenterminbörse in D-Mark pro Kilogramm. Ähnlich wie bei Kartoffeln, dem zweiten WTB-Kontrakt, der über die Wertpapier-Kennummer 965272 verfügt, weist auch der Schweinemarkt in Deutschland und in Europa bis heute nicht jene für einen freien und funktionsfähigen Markt notwendige Transparenz auf."Von einem allgemein gültigen Marktpreis kann zum Beispiel noch keine Rede sein", erklärt Peter Link, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der WTB-Akademie in Warberg. Der allgemeine Mangel an verläßlichen Informationen hat in der Vergangenheit dazu geführt, daß die Schweineerzeuger in den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ihre Interessen gebündelt haben und zu diesem Zweck die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Nordwestdeutschlands (ISN) gründeten.Der von der ISN zweimal wöchentlich veröffentlichte Preis gilt in der Agrarwirtschaft inzwischen als Richtgröße für den aktuellen Trend am Schweinemarkt. Im Jahr 1996 kletterten die Schweinepreise nach Beobachtungen der ISN von einem Tiefpunkt bei 2,65 DM je Kilo Schlachtgewicht als Folge der britischen BSE-Krise zeitweise bis auf 3,70 DM je Kilo.Und auch im vergangenen Jahr wurde der Schweinemarkt nicht nur in Deutschland, sondern in Gesamteuropa über einen langen Zeitraum hinweg durch Seuchen beeinflußt. "Nicht zuletzt aufgrund der Schweinepest in den Niederlanden wurde im Monat Mai des Jahres 1997 ein extrem hohes Preisniveau von bis zu 4,40 DM je Kilo verzeichnet", erklärt Dr.Bernhard Schlindwein, Leiter des Bereichs Vieh und Fleisch bei der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) in Bonn.In der Folgezeit kam es aufgrund des steigenden Angebots allerdings zu einem kräftigen Preisrückgang, der derzeit noch anhält. Der Schweinemarkt sei in der Vergangenheit jedoch immer wieder für die eine oder andere Überraschung gut gewesen, weist Hengelsberg auf zahlreiche Unwägbarkeiten hin.Hier sind zum Beispiel die Problematik der Seuchengefahr sowie Unsicherheiten über die Einflüsse der Asienkrise anzuführen.Die Länder Ostasiens seien in der Vergangenheit ein nicht unbedeutender Abnehmer deutschen Schweinefleisches gewesen. Der Deutsche Bauernverband betonte, daß das Interesse an einer Terminbörse zur Preisabsicherung, die in Deutschland mehr als hundert Jahre lang verboten war, sehr hoch sei.Der Vorstandschef der Warenterminbörse, Friedrich Rode, rechnet mit rund 200 bis 300 Kontrakten pro Tag.Im weiteren Verlauf des Jahres sollen zu den Kontrakten auf Schweine und Kartoffeln noch Weizen und - als erstes nicht-landwirtschaftliches Produkt - Altpapier hinzukommen.Die Warenterminbörse in Hannover ist die sechste in Europa und zugleich die modernste.Aller Termingeschäfte werden ausschließlich über Computer abgewickelt.

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