Wirtschaft : Schweizer Gewerkschaften: Starke Zeiten für Arbeitnehmerorganisationen

Daniel Birchmeier

Mitte Dezember machten rund 300 Angestellte des Zürcher Opernhauses dem Kantonsparlament mit einem Ständchen ihre Aufwartung: Mit einem Auszug aus dem Gefangenenchor aus "Nabucco" verliehen sie ihrer Forderung nach fünf Prozent Reallohnerhöhung plus Teuerungszulage Nachdruck. Der Auftritt der Schneiderinnen, Beleuchter, Putzfrauen, Sänger und Souffleusen war nur der hörbarste der von den Gewerkschaften veranlasste Proteste gegen zu tiefe Gehälter. Die Arbeitnehmerorganisationen haben an fast allen Fronten ihren Druck auf die Sozialpartner erhöht. Sie fordern angesichts der erfreulichen Wirtschaftslage einen größeren Teil des Kuchens, nachdem die neunziger Jahre in vielen Sektoren eine Abkehr vom automatischen Teuerungsausgleich sowie Reallohneinbussen gebracht hatten. "Die Krise der neunziger Jahre wurde dazu benutzt, die Kapitaleinkünfte zu steigern, die Kadersaläre heraufzuschrauben und gleichzeitig nach unten auf den Lohn zu drücken", lamentiert Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), dem Dachverband der wichtigsten Arbeitnehmerorganisationen des Landes.

Mittlerweile hat der Wind allerdings gedreht. Die Schweizer Wirtschaft verzeichnete 2000 mit einem Wachstum von deutlich über drei Prozent, einer stetig sinkenden Arbeitslosigkeit (1,8 Prozent) und einer Inflation von weniger als zwei Prozent das beste Jahr seit einer Dekade. Die Auftragsbücher sind voll und der Arbeitsmarkt in vielen Sektoren leergefegt. Anders als etwa in Deutschland mangelt es der Schweiz sowohl an hoch qualifizierten Arbeitskräften als auch an solchen im Niedriglohnbereich.

Vor allem in der Maschinenbauindustrie, bei Finanzdienstleistungen, im Gastgewerbe, in der Textilbranche sowie in den Bereichen Informatik, Elektronik und Elektrotechnik haben sich die Engpässe in den vergangenen drei Jahren drastisch verschärft. Laut offiziellen Angaben beschäftigt fast ein Sechstel der Unternehmen weniger Leute als sie eigentlich benötigten. Mittlerweile gilt der Arbeitskräftemangel bereits als einer der wichtigsten Gründe dafür, dass der von der dynamischen Exportindustrie angeführte Wirtschaftsboom wieder abflachen dürfte.

Zahlreiche Unternehmen haben deshalb die Flucht nach vorne ergriffen. Angesichts einer jährlichen Fluktuationsrate, die beispielsweise in der Maschinenindustrie 15 Prozent erreicht hat, sehen sie in den Abwanderungsgelüsten ihrer Arbeiter die größere Gefahr für ihre Gewinnaussichten als in steigenden Gehältern. Viele Firmen haben ihren Angestellten deshalb erstmals seit Jahren eine Lohnerhöhung zugestanden, die deutlich über der Teuerung liegt. Besonders großzügig zeigte sich beispielsweise Siemens mit einer durchschnittlichen Lohnerhöhung von über drei Prozent, individuellen Boni von weiteren ein bis drei Prozent sowie einer Aktienbeteiligung.

Laut provisorischen Schätzungen sind die Lohntüten dieses Jahr insgesamt um 12,5 Milliarden Franken (17 Milliarden Mark) praller gefüllt als noch 2000. Die Arbeitgeber sehen damit den Nachholbedarf der 90er Jahren erfüllt, weshalb bei den Gewerkschaften trotz der insgesamt befriedigenden Lohnverhandlungen längst keine Siegesstimmung herrscht. "Wo (um Lohnerhöhungen) gekämpft wurde, hat sich das ausgezahlt", hielt SGB-Präsident Rechsteiner am Montag in Bern fest. Doch im Niedriglohnbereich sei das Ziel einer Lohnsumme von mindestens 3000 Franken pro Vollzeitstelle nach wie vor nicht überall erfüllt.

Die Gewerkschaften hatten jüngst mit ihrer Kampagne "Keine Löhne unter 3000 Franken netto" verschiedene Unternehmen, insbesondere den Handelsriesen Migros, an den Pranger gestellt und eine Erhöhung Hunderttausender Niedriglöhne erreicht. "Die teilweise spektakulären Erfolge im Detailhandel und im Reinigungsgewerbe können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Löhne nach wie vor in Hunderttausenden von Arbeitsverhältnissen unter der Skandalgrenze liegen", wetterte Rechsteiner in Bern.

Ökonomen fordern diverse Massnahmen, um den Arbeitskräftemangel einzudämmen. Dazu gehören eine Bildungsoffensive, eine Erhöhung der vergleichsweise niedrigen Frauen-Erwerbsquote durch ein größeres Angebot an Teilzeitarbeit und den verstärkten Einbezug von älteren Arbeitnehmern, was allerdings die Unternehmen zwingen würde, von ihrer jugendzentrierten Personalpolitik abzurücken. Denkbar wäre auch die Öffnung der Grenzen für ausländische Arbeitnehmer, die gerne im Hochlohnland Schweiz arbeiten würden. Doch schon heute liegt der Ausländeranteil bei knapp 20 Prozent, weshalb ein weiterer Zustrom ausländischer Arbeitskräfte auf Widerstand stossen dürfte.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben