Schwellenländer : Firmen auf dem Einkaufszettel

Die Gewinner der Krise könnten die Schwellenländer sein. Vor allem Brasilien, Russland, Indien und China nutzen derzeit die Gunst der Stunde, um ihren Einfluss in den Industriestaaten auszubauen. Auf der Suche nach Know-how investieren sie auch in Deutschland und Berlin.

David C. Lerch
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Kuala Lumpur. In der Nähe der malaysischen Hauptstadt sitzt KNM, der Mutterkonzern der Borsig-Gruppe aus Tegel. -Foto: dpa

DüsseldorfDie Visitenkarte verrät die wahren Eigentümer in Berlin-Tegel. Die Borsig-Gruppe gehört seit 2008 zu KNM, einem Maschinenbauer aus Malaysia. Sonst merkt man davon nichts. Das Berliner Industrieunternehmen, 1837 als Fabrik für Dampfmaschinen gegründet, handelt nach wie vor unabhängig, versichert Geschäftsführer Konrad Nassauer. Alle drei Monate schickt er einen Report in die Nähe von Kuala Lumpur, nur gelegentlich bespricht er sich mit einem malaysischen Vertreter. „Das operative Geschäft“, sagt Nassauer, „hat sich durch den neuen Eigentümer überhaupt nicht verändert.“ Stattdessen bot KNM die Chance, Borsig nach der Insolvenz 2002 zu stabilisieren.

Investitionen aus den Schwellenländern sind inzwischen eher die Regel als die Ausnahme – vor allem in der Krise. Besonders Unternehmen aus den sogenannten BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien und China – nutzen derzeit die Gunst der Stunde, um ihren Einfluss in den Industriestaaten auszubauen. „Die großen Schwellenländer werden als Gewinner aus der Krise hervorgehen, weil sie ihre Reserven jetzt gezielt einsetzen“, sagt Joachim von Hoyningen-Huene von A.T. Kearney. Einer Studie der Unternehmensberatung zufolge ist die Summe der weltweiten Firmenübernahmen 2008 um 28 Prozent zurückgegangen, die Käufe aus den Schwellenländern stiegen dagegen um fast 30 Prozent. „In den ersten beiden Quartalen dieses Jahres hat sich dieser Trend sogar noch verstärkt“, sagt von Hoyningen-Huene.

Die Liste der Einstiege ist lang – auch in Deutschland. Seit März ist ein Staatsfonds der Vereinigten Arabischen Emirate an Daimler beteiligt, ein Investor aus Katar ist gerade bei VW eingestiegen. Die Wadan-Werften gehen an einen russischen Käufer, eine russische Firma führt Gespräche mit Infineon. Ein chinesischer Staatskonzern warb wochenlang um den Autobauer Opel, der nun möglicherweise an ein Konsortium mit russischer Beteiligung geht. „Die Schwellenländer nutzen die Phase, in der viele Unternehmen Probleme haben, Kredite zu bekommen“, sagt You-Na Park, Analystin der Commerzbank.

Öffentlich wahrgenommen werden meist nur die spektakulären Fälle, etwa als der indische Tata-Konzern 2008 die Prestigemarken Jaguar und Land Rover übernahm. Viele Geschäfte bleiben unbemerkt: Die MAN-Tochter Ferrostaal gehört seit März einem Fonds aus Abu Dhabi, der Windanlagenhersteller Repower hat seit Sommer 2007 einen indischen Besitzer. Einem brasilianischen Anlagenbauer gehört seit November der deutsche Stahlproduzent LWB. Viele Schwellenländer haben zuletzt Währungsreserven aufgebaut, sagt Park. „Jetzt gehen sie auf Einkaufstour.“

Noch vor zwei Jahren herrschte große Skepsis gegenüber den exotischen Interessenten. Mit dem geänderten Außenwirtschaftsgesetz kann die Bundesregierung seit 2009 jede 25-prozentige Beteiligung eines Nicht-EU-Investors blockieren. Doch davon ist in der Krise keine Rede mehr. „Heute ist man heilfroh, wenn überhaupt Geldgeber da sind“, sagt Gernot Nerb, Chefvolkswirt des Ifo-Instituts. Er sieht die Entwicklung positiv. Zumeist kämen aus den Schwellenländern seriöse und langfristige Investoren. „Das ist eigentlich das Beste, was einem deutschen Unternehmen jetzt passieren kann“, sagt Nerb. Das zeigten etwa die langjährige iranische Beteiligung an Thyssen-Krupp oder der Kuwaitis an Daimler.

Käufer aus Emerging Markets, wie die Schwellenländer auf Englisch genannt werden, haben oft andere Interessen als westliche Unternehmen. Kosten stehen nicht im Vordergrund. „Sie wollen sich Technologien, Marken oder Know-how sichern und sich in einem weit entwickelten Markt etablieren“, sagt von Hoyningen-Huene. Deshalb mische man sich in das operative Geschäft häufig nicht ein.

Die einzelnen Staaten zielen dabei auf ganz unterschiedliche Branchen. Die russische Wirtschaft profitiert von den Energiereserven des Landes und sucht nach technologischen Partnern. Deshalb interessiert man sich für Infineon und Opel, wie Präsident Dmitri Medwedew vor kurzem bekannte. Der arabische Raum lebt von seinen Ölvorkommen. Um die Abhängigkeit zu vermindern, bemühen sich Staatsfonds um strategische Investments in der westlichen Industrie. China dagegen sucht vor allem Rohstoffe. Zuletzt scheiterte der Einstieg beim britisch-australischen Rohstoffkonzern Rio Tinto.

Experten zufolge, führt die Krise zu einer noch engeren Vernetzung der Weltwirtschaft, die protektionistische Tendenzen einzelner Staaten in den Hintergrund drängt. Das liegt vor allem an den enormen Wachstumsraten der großen Schwellenländer, die damit den Trend der vergangenen Jahre beschleunigen. „Ursprünglich ging man davon aus, dass China 2030 die USA als wirtschaftsstärkstes Land ablöst. Durch die Krise wird das wesentlich früher der Fall sein“, sagt von Hoyningen-Huene. Mit der Internationalisierung wächst aber auch die Gefahr, dass Arbeitsplätze verlagert werden. Für Ifo-Experte Nerb ist das jedoch die natürliche Kehrseite für das internationale Engagement deutscher Konzerne. „Der Exportweltmeister kann sich nicht beschweren, wenn sich Firmen aus anderen Ländern bei uns einkaufen.“

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