Wirtschaft : Schwellenländer gehen voran

HANS DEMBOWSKI

BERLIN .Das Wirtschaftswachstum läßt sich von dem Ausstoß von Klimagasen abkoppeln.Dies ist das Ergebnis einer Studie der UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen).In fünf großen Schwellenländern sei die Wirtschaft schneller als der Verbrauch von Energie und damit der Ausstoß von Treibhausgasen gewachsen, so das UNDP.In der Volksrepublik China beispielsweise habe das Bruttoinlandsprodukt um 10,1 Prozent zugenommen - der Energieverbrauch nur um 5,3 Prozent.Effizientere Energienutzung machte das UNDP auch in Argentinien, Mexiko, Brasilien und Indien aus.

Am überraschendsten ist das Ergebnis in Indien, dem ärmsten Land dieser Gruppe.Je niedriger der Entwicklungsstand, so lautete bisher die Faustregel, desto größer ist der Bedarf an Kohle und Öl für wirtschaftliche Zuwächse.Dennoch betrug die ökonomische Wachstumsrate südlich des Himalaya in den 90er Jahren im Schnitt 6,8 Prozent und die des CO2

Ausstoßes, dem wichtigsten Treibhausgas, nur 4,9 Prozent.In den achtziger Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt: 6,8 Prozent mehr CO2

bei 5,7 Prozent höherem Bruttoinlandsprodukt.

Die Trendwende hat mehrere Ursachen.Viele davon sind politisch.Der indische Staat fördert im ländlichen Raum alternative Energieträger: Biogasanlagen, Windkraft und kleine Staudämme.Zweitens wurden die Subventionen für viele Brennstoffe gekürzt oder gestrichen.Folglich legt die Industrie jetzt mehr Wert auf sparsame Nutzung.Drittens läuft die Stromversorgung der Großstädte nicht mehr ausschließlich über staatliche Monopolbetriebe.Private Investoren achten auf effiziente, kostengünstige Stromnetze.

Auf den vierten Faktor, der in Indien zur tendenziellen Abkopplung von Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum beiträgt, haben die Politiker weniger direkten Einfluß.Die Wirtschaftsstruktur entwickelt sich anders als seinerzeit geplant.Schon heute spielen etwa Software-Firmen eine wichtige Rolle.

Laut UNDP ist die indische Entwicklung typisch.Auch in den anderen großen Schwellenländern geht es um die vier Faktoren: alternative Energieträger, realistische Preise, Aufhebung von Staatsmonopolen und Strukturwandel.In Brasilien sind die Treibhaus-Emissionen heute um 15 Prozent niedriger als zu erwarten gewesen wäre, hätte die Regierung nicht auf Biotreibstoff statt Benzin gesetzt.In China wurden Kohlesubventionen gestrichen.Die Konsequenz: Rund 50 Prozent weniger Kohlendioxid.

Die fünf untersuchten Staaten emittieren derzeit 23 Prozent der weltweiten Klimagase.Das sind rund zwei Drittel der Emissionen, die nicht aus den Industrieländern stammen.Die Experten des UNDP gehen davon aus, daß ihr Energieverbrauch und folglich die Treibhausemissionen weiter zunehmen werden.Angesichts der verbreiteten Armut sind hohe Wachstumsraten erwünscht.Dennoch seien die bisher erreichten CO2

Einsparungen vermutlich größer als das, was in den großen Industrieländern erzielt wurde.Das UNDP betont, daß es sich bei den verfolgten Strategien um Maßnahmen handelt, die kein "Bedauern" durch zusätzliche Kosten verursachen.Im Gegenteil beleben sie die Volkswirtschaft.

Die konservative Mehrheit im US-Kongreß will Reduktionsverpflichtungen aus dem Kioto-Protokoll nur akzeptieren, wenn sich auch die Schwellenländer am Klimaschutz "bedeutsam" beteiligen.Aus Sicht des UNDP ist das bereits der Fall.Außerhalb der USA ist ohnehin unumstritten, daß die Industrieländer mit den schmerzhaften Maßnahmen zum Klimaschutz vorangehen müssen.Denn pro Kopf verbrauchen beispielsweise Inder noch immer 95 Prozent weniger Energie als US-Bürger und 90 Prozent weniger als EU-Bürger.

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