Schwellenländer : In der Zinsflaute suchen Anleger höhere Renditen

Die US-Geldpolitik bleibt locker, die Zinsen in den Industrieländern sind niedrig – nun kehren die Investoren in die Schwellenländer zurück.

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Unter Beobachtung. Die Kursentwicklung am indonesischen Anleihen- und Aktienmarkt in Jakarta sowie an anderen Schwellenländer-Börsen wird mit Spannung verfolgt.
Unter Beobachtung. Die Kursentwicklung am indonesischen Anleihen- und Aktienmarkt in Jakarta sowie an anderen...Foto: AFP

Nerven wie Drahtseile benötigten in diesem Jahr alle Anleger, die Geld in den Schwellenländern investiert hatten. Denn Länder wie Brasilien, Indien, Indonesien oder die Türkei, die jahrelang Lieblinge der Investoren waren, enttäuschten mit massiv sinkenden Kursen: Vor allem Anleihen brachen ein, aber auch die Aktienmärkte schwächelten massiv. Zudem werteten die lokalen Währungen ab, was die Verluste für Euro-Anleger noch erhöhte.

Nun werben viele Banken und Fondsgesellschaften wieder um Investoren. Anlass dafür war die überraschende Entscheidung der US-Notenbank in der vergangenen Woche, die Geldhähne vorerst doch noch nicht zuzudrehen. Positiv gestimmt sind etwa die britisch-chinesische Bank HSBC, die Fondsgesellschaft MainFirst, die Commerzbank, die Landesbank Berlin und die Allianz-Tochter Pimco.

BANKEN TROMMELN ZUM EINSTIEG

Die Commerzbank stufte die Einschätzungen für die Türkei, Brasilien und Indien von „untergewichten“ auf „neutral“ hoch. Angesichts des stabilen Wachstums sei der antizyklische Kauf von Anleihen aus den Schwellenländern „eine Überlegung wert“, argumentiert auch Thomas Rutz, Fondsmanager bei MainFirst. Die jüngsten Verluste seien vor allem eine Folge einer negativen Stimmung unter den Investoren, während die meisten Länder fundamental deutlich besser dastünden als noch vor wenigen Jahren.

Laut HSBC glänzen viele Schwellenländer inzwischen mit niedrigerer Verschuldung und geringeren Haushaltsdefiziten als westliche Staaten. Die Bank hat deshalb in ihren Fonds den Bestand an Emerging-Markets-Anleihen gerade antizyklisch aufgestockt. Bei Dollar-Anleihen aus den Schwellenländern winke wieder eine Rendite von 6,5 Prozent, bei vertretbaren Risiken. „Die Signale der Fed lassen uns den Markt radikal anders bewerten“, hieß es gar bei der französischen Société Générale, die nun „einen pessimistischen Blick auf die Schwellenländer nicht länger für angemessen hält.“

Der Hintergrund: Große Summen waren in die Emerging Markets geflossen, seit die US-Notenbank Fed jedes Jahr bis zu gut einer Billion Dollar gedruckt hat, um nach der Finanzkrise die Geldkreisläufe und die Finanzierung der Staatsschulden nicht austrocknen zu lassen. Die Kurse von Emerging-Markets-Anleihen waren in astronomische Höhen gestiegen, die Renditen enorm gefallen. Zeitweise bewertete der Markt schließlich die Risiken philippinischer Staatsanleihen ähnlich hoch wie jene französischer Bonds.

GELDPOLITISCHE WENDE IM MAI

Die Wende kam im Mai, als die Fed ankündigte, die Geldhähne nun bald wieder zuzudrehen. Sofort zogen große Investoren Gelder in Milliardenhöhe wieder ab, aus Angst vor sinkender Liquidität und in der Hoffnung auf eine Zinswende zu Hause. Gleichzeitig mehrten sich schon seit mehreren Monaten die wirtschaftlichen Krisenzeichen in einigen Schwellenländern, die Inflation stieg, während wichtige Strukturreformen ausblieben. Der IWF etwa warnte kürzlich vor trüberem Wetter zwischen Delhi, Istanbul und Rio. 50 Milliarden Dollar sollen internationale Anleger binnen kurzer Zeit allein aus Fonds abgezogen haben, die in Anleihen und Aktien der Schwellenländer investieren.

Der Bloomberg Emerging Markets Sovereign Bond Index, der in Dollar notierte Staatsanleihen der Schwellenländer abbildet, stürzte im Mai und Juni um zwölf Prozent ab. Die bis 2036 laufende türkische Dollar-Staatsanleihe mit einem Zinskupon von 6,875 Prozent etwa verlor fast 30 Prozent ihres Wertes, die Renditen explodierten teilweise bis auf zehn Prozent. Südafrikanische Anleihen werteten binnen weniger Wochen um rund zehn Prozent ab. Parallel zum Rückzug fremden Geldes werteten die Währungen ab: Weil der südafrikanische Rand im laufenden Jahr um 24, die türkische Lira um 15, der brasilianische Real um 13 Prozent gesunken ist, müssen Euro- und auch Dollar-Anleger dieses Minus zur ohnehin negativen Wertentwicklung hinzurechnen. Die indische Rupie notiert aktuell gar – trotz der jüngsten Zinserhöhung – auf einem Vierjahrestief. Allein zwischen Mai und August brachen die Währungen jener fünf Länder, die am stärksten von ausländischem Kapital abhängig sind, um 18 Prozent ein.

Nach der Kehrtwende der Fed jedoch kehrt nun die Kauflaune zurück. Die Kurse türkischer Staatsanleihen legten binnen weniger Tage um rund zehn Prozent zu, indonesische Anleihen um 15 Prozent, bei fallenden Renditen. Im Jahresvergleich jedoch bleiben die Renditen immer noch im Minus. Auch die Wertentwicklung fast aller Fonds lässt weiter zu wünschen übrig: Kaum ein Papier notiert seit Jahresbeginn überhaupt im Plus. Die besten, marginal positiven bis leicht negativen Ergebnisse erzielten die Emerging-Market- Bonds-Fonds von Threadneedle und Schroder, während die meisten im Jahresvergleich zwischen acht und 17 Prozent im Minus liegen. Exchange Traded Funds (ETF), die passiv einen Index abbilden und damit nicht regelmäßig zwischen einzelnen Ländern gewichten können, liegen gar durchweg im Minus.

AUF LANGE SICHT ZÄHLT SOLIDITÄT

Nicht alle Marktbeobachter glauben zudem an eine rasche Rückkehr zu besseren Zeiten. Jeffrey Rosenberg, Chefstratege für Anleihen bei der US-Investmentfirma Blackrock rät von allen Papieren ab, die sehr sensibel auf Zinsveränderungen reagieren. „Auch Schwellenländer-Anleihen bleiben unter Druck“, ist Rosenberg sicher. Die Commerzbank räumt ein, dass die Fed ihre expansive Geldpolitik ohnehin irgendwann zurückfahren müsse und rechnet damit, dass 2014 Länder, die sehr abhängig sind vom ausländischem Geld, erneut unter Druck geraten könnten.

Wichtig für langfristige Investments sei jedoch der langfristige fundamentale Ausblick, glaubt Fondsmanager Lutz Röhmeyer von der Landesbank Berlin. Hier könnten viele Schwellenmärkte punkten. 39 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung würden in den Emerging Markets erbracht – Tendenz steigend. Gleichzeitig lägen die Schulden unter 40 Prozent der Wirtschaftsleistung, während es in den Industrienationen gut 100 Prozent seien. Der Fondsmanager hofft deshalb, dass die Investoren nach den starken Verkaufswellen „die Attraktivität der Schwellenländer wieder nachhaltig entdecken.“

Grundsätzlich gilt: Schwellenländer eignen sich nur für einen kleinen Teil des Geldes im Depot. Langfristig die meisten Prozente geholt haben in den vergangenen fünf Jahren die Fonds Templeton Emerging Markets Bond (Wertpapierkennnummer A0B6Y5) und der Aberdeen Global Select Emerging Markets Bond (A0M017), beide mit rund 13 Prozent Plus pro Jahr.

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