Wirtschaft : Schwellenländer melden sich zu Wort

WASHINGTON (rtr).Nach Tagen allgemeiner Appelle bei der Jahreskonferenz von IWF und Weltbank haben mehrere Schwellenländer erstmals deutliche Kritik an den reichen Staaten geübt.Indiens Finanzminister Yashwant Sinha sagte am Mittwoch in Washington, nicht nur die Schwellen-, auch die Industrieländer müßten ihren Teil zur Bewältigung der aktuellen Finanzkrise beitragen.Sein russischer Amtskollege Michail Sadornow kritisierte, die IWF-Tagung habe keinerlei Aufschlüsse darüber gebracht, wie solche Krisen verhindert werden könnten.Er warf dem Westen vor, viele ärmere Länder ohne Auffangnetz in die Marktwirtschaft geschickt zu haben.

In zahlreichen Sitzungen und Seminaren hatten die 182 Mitgliedsstaaten von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in den vergangenen Tagen darüber diskutiert, wie man Währungsturbulenzen wie denen in Südostasien und in Rußland Herr werden und das Weltfinanzsystem krisenfester machen kann.Außer Appellen an alle Länder, die Märkte möglichst offenzuhalten und die Weltgemeinschaft früher und umfassender über sich abzeichnende Probleme zu informieren, brachte die 53.IWF-Jahrestagung aber kaum Ergebnisse.

"Die nackten Tatsachen sehen so aus, daß wir nach fünf Tagen intensiver Diskussionen immer noch ratlos sind, warum immer mehr Länder von der Krise angesteckt werden", sagte Sinha.Mehr Transparenz im Finanzwesen sei zwar ein Ansatz.Das gelte aber nur dann, wenn sie für alle Länder gelte und nicht nur für die, die schon in Schwierigkeiten steckten oder davon bedroht seien.Für diejenigen großen westlichen Finanzhäuser, die in den aufstrebenden Staaten hochriskante Geschäfte betrieben, müßten die Veröffentlichungsstandards ebenso erhöht werden wie für die betroffenen Länder selbst.

Sadornow sagte, die Staatengemeinschaft habe aus den jetzigen und früheren Krisen offenbar kaum etwas gelernt.Wie in der Vergangenheit bemühten sich nun alle, Rezepte zu finden, mit denen die Turbulenzen an den Märkten und in manchen Volkswirtschaften beendet werden könnten.Die Krisenprävention spiele dagegen nur eine untergeordnete Rolle.Der russische Finanzminister betonte zudem, daß die Industrieländer eine Mitschuld an den jetzigen Krisen in einigen Regionen hätten.Es seien westliche Finanzexperten gewesen, die die Schwellenländer zum raschen Übergang in die Marktwirtschaft gedrängt hätten, ohne Konzepte für den Fall zu haben, daß bei diesem Übergang etwas schief gehe.

Noch deutlicher äußerte sich der stellvertretende malaysische Finanzminister Mustapa Mohamed.Er sagte, die bisherigen Rezepte des IWF und der großen Industriestaaten zur Eingliederung ehemaliger Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft hätten sich als "Rohrkrepierer" erwiesen.Westliche Institute, wie etwa die Ratingagenturen, hätten die Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern mit ihren dauernden Herabstufungen noch verschärft.Die Agenturen geben regelmäßig Analysen über die Bonität aller Länder heraus.Malaysia hatte auf den Abzug ausländischen Geldes mit der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen reagiert und war dafür vom Westen gerügt worden.

Auch Rußland war nach der überraschenden Bekanntgabe eines Schuldenmoratoriums in die Kritik geraten.Sadornow sagte bei der IWF-Tagung, viele Länder fänden sich bei einer plötzlichen Kapitalflucht in einer verzweifelten Lage wieder.Oftmals seien die betroffenen Regierungen dann einfach gezwungen, "Maßnahmen zu ergreifen, die bei der internationalen Gemeinschaft auf Ablehnung stoßen".

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