Wirtschaft : Schwerer Start für RWE-Chef Großmann

Verhaltene Prognose drückt die Aktie / 250 000 Kunden verloren / Ausbau des internationalen Geschäfts

Essen - Knapp fünf Monate nach seinem Amtsantritt an der Spitze des Essener Energiekonzerns RWE hat Konzernchef Jürgen Großmann mit Gegenwind zu kämpfen. Bei seiner ersten Bilanzpressekonferenz am Freitag in Essen legte der Chef des Energiekonzerns am Freitag zwar glänzende Zahlen beim betrieblichen Ergebnis des Vorjahres vor. Einen weiteren Anstieg konnte er jedoch nicht ankündigen und enttäuschte damit die Börse. Der RWE-Kurs verlor bis zum Börsenschluss 5,7 Prozent auf 80,24 Euro.

Nachdem RWE in der Vergangenheit von den gestiegenen Energiepreisen profitiert habe, verschärfe sich nun der Wettbewerbsdruck. „Inzwischen ist absehbar, dass uns der Wind direkt ins Gesicht wehen kann: von der Klimagesetzgebung bis zur Marktentwicklung“, sagte Großmann. Im Geschäft mit Privatleuten habe RWE im vergangenen Jahr rund 3,6 Prozent der Kunden verloren, räumte Vorstandsmitglied Berthold Bonekamp ein. Damit hätten 250 000 Kunden von RWE zu anderen Versorgern gewechselt.

Durch eine verstärkte Internationalisierung und einen „massiven Ausbau“ der erneuerbaren Energien will der neue Chef den Essener Energiekonzern in den kommenden Jahren auf Wachstumskurs steuern. Daneben kündigte Großmann eine Verschärfung des Sparkurses an. Zu einem Personalabbau in Deutschland werde es jedoch nicht kommen. Geprüft würden Märkte in Südosteuropa und Russland, kündigte Großmann an. Großen Zukäufen erteilte er aber ebenso wie sein Vorgänger Harry Roels eine Absage. Ziel sei nicht der „Mega-Merger“. RWE wolle durch sinnvolle Zukäufe wachsen. Um den finanziellen Spielraum zu vergrößern, sollen die Aktionäre bei der nächsten Hauptversammlung die Grundlage für eine Kapitalerhöhung schaffen.

Vor allem durch gute Geschäfte beim Strom war das betriebliche Ergebnis des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns im Jahr 2007 um 14,8 Prozent auf 6,52 Milliarden Euro angestiegen. Durch verschärfte Rahmenbedingungen im CO2-Emissionshandel und Kürzungen durch die Bundesnetzagentur sehe sich RWE im laufenden Jahr jedoch mit Ergebnisbelastungen in der Summe von mehr als 1,5 Milliarden Euro konfrontiert, sagte Großmann. Eine Wertberichtigung von 492 Millionen Euro bei der US-Wassertochter American Water belastete zudem das Nettoergebnis des Konzerns, das im vergangenen Jahr um 31 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro einbrach. Hintergrund der Wertberichtigung seien Erwartungen an das Unternehmen gewesen, die sich nach dem Kauf im Jahr 2001 nicht in voller Höhe bewahrheitet hätten, sagte Finanzchef Rolf Pohlig. Das US-Unternehmen soll noch in diesem Jahr an die Börse gebracht werden

Der Umsatz des RWE-Konzerns blieb im vergangenen Jahr mit 42,5 Milliarden Euro nahezu unverändert. Die Zahl der Mitarbeiter erhöhte sich dagegen leicht um 2,8 Prozent auf knapp 63 500. Der neue RWE-Chef kündigte für die kommenden Jahre bis 2012 eine verstärkte Internationalisierung des Konzerns mit Investitionen von mehr als 30 Milliarden Euro an. „Die wachsende Internationalisierung ist Ergebnis dessen, dass uns das Kartellamt kein Wachstum in Deutschland erlaubt“, sagte Großmann. Während RWE heute etwa ein Drittel (36 Prozent) seines betrieblichen Ergebnisses im Ausland verdiene, solle dieser Wert bis zum Jahr 2012 auf rund die Hälfte steigen. Dabei wolle das Unternehmen jedoch keinesfalls in Deutschland Geschäft aufgeben - im Gegenteil, sagte Vorstandschef Großmann.

Im Geschäft mit erneuerbaren Energien plane RWE daneben einen „massiven Ausbau“. In etwa zehn Jahren wolle der Essener Konzern europaweit zu den führenden Anbietern auf diesem Gebiet gehören. Bis zum Jahr 2012 sei mehr als eine Verdreifachung der Stromerzeugungskapazitäten auf der Basis von erneuerbaren Energien auf rund 4500 Megawatt geplant. Bis zum Jahr 2020 solle sich dieser Wert auf mehr als 10 000 Megawatt erhöhen. Derzeit verfügt RWE in diesem Bereich über Kapazitäten von 1100 Megawatt. Weitere 200 Megawatt sind im Bau. dpa

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